Ladenburg

Ladenburg Teile eines Denkmals aus dem Mittelalter dienen als Stufen einer Kellertreppe

Alte Grabplatte gibt Rätsel auf

Archivartikel

Zufälle regieren das Leben. Als Jürgen Sattel dem neuen Besitzer des Hauses in der Brauergasse 4 beim Ausräumen hilft, entdeckt er auf der Kellertreppe seltsame Schriftzeichen. Die meisten wären achselzuckend weitergegangen, aber Sattel ist Ladenburger Lokalhistoriker und nimmt die Stufen genauer unter die Lupe: Es handelt sich um mittelalterliche Schriftzeichen, um gotische Majuskeln.

Ein Rätsel wäre damit gelöst, doch viele weitere ergeben sich daraus. Bei näherer Inspektion verdichtet sich der Verdacht, dass sechs Teile einer zerschlagenen Grabplatte in der Treppe verbaut sind. Allerdings wirkt die Art der Beschriftung seltsam. Die verläuft nämlich normalerweise an den Rändern der Platte entlang. Tatsächlich steht auf einem Bruchstück am Rand „ANNO“, was soviel wie „im Jahr bedeutet“ und als Anfang einer klassischen lateinischen Grabinschrift gilt: Im Jahr des Herrn... verstarb...

Doch die restlichen Buchstaben stehen in einem etwa 35 Zentimeter breiten Bereich in der Mitte der Platte, den der Steinmetz durch eingeschlagene Linien abgetrennt hat. Das entspricht nicht der Norm. Allerdings dürfte der Schöpfer der etwa 180 Zentimeter hohen, 14 Zentimeter dicken und 70 Zentimeter breiten Platte kein Meister seiner Zunft gewesen sein. Denn die Zeichen, die für den Laien kaum lesbar sind, hat er unregelmäßig gehauen. Und die Platte wirkt recht einfach. Aber es gab eben nicht nur reiche Bischöfe und und wohlhabende Adlige, sondern auch Ärmere, die sich mit einem Grabdenkmal verewigen wollten.

Überraschung auf Seite 45

Wann wurde die Platte zweckentfremdet? Ein Rundgang durch den Gewölbekeller liefert zumindest eine mögliche Antwort. Der originale Zugang dürfte nicht vom Hof des Anwesens, sondern von der Brauergasse her erfolgt sein. Darauf weisen deutliche Spuren hin. So sind die Reste des Fundamentblocks auf dem die Treppe aufgelegen hat, noch in der Wand zu sehen. Anstelle des alten Eingangs sieht der Betrachter heute lediglich ein kleines Fenster. Bei dem Umbau des früheren Eingangs wurden Backsteine eingesetzt, was auf das 19. Jahrhundert hindeuten könnte.

Wie bereits gesagt: Das Leben besteht aus Zufällen. Etwa eine Stunde nach dem Ortstermin in der Brauergasse stellt der Heimatbund sein Jahrbuch vor. Darin ist auch ein Beitrag von Hermann Dunda über Pläne und Ansichten des Bischofshofs enthalten. Die Überraschung auf Seite 45: Ein Aquarell, das Reverend John Louis Petit 1856 geschaffen hat, zeigt Kirchenstraße und Sebastianskapelle. Und an den Mauern, die die Kirchenstraße begrenzen, lehnen mehr als ein Dutzend Grabplatten. Vielleicht war darunter auch die, die als Teil der Kellertreppe in der Brauergasse 4 gelandet ist. Weit wäre der Weg von der Kirchenstraße nicht gewesen.

Was tun mit dem Fund? Schön wäre es, wenn ein Experte die Bruchstücke fotografieren, in einem Computerbild zusammenfügen und die Inschrift entziffern würde. Dann hätte Ladenburg wieder ein Puzzlesteinchen seiner mittelalterlichen Geschichte gefunden, über die ja leider nicht gerde viel bekannt ist.

Andreas Hildebrand, der neue Besitzer des Anwesens Brauergasse 4, würde auch einen Schritt weitergehen: „Wenn man mir eine Betontreppe hinmacht, bin ich bereit, die Teile der Platte abzugeben.“

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