Ladenburg

Ladenburg Werke der Künstlerin Gudrun Schön-Stoll treten bald Überseereise nach Texas an / Kinder einer früheren Mitbürgerin jüdischen Glaubens sind begeistert

Aus Erzählungen entsteht Kunst

Archivartikel

"Erinnerungen verbinden uns Menschen." Das hat Gudrun Schön-Stoll schon vor längerem erkannt. Deshalb macht die Ladenburger Künstlerin und Lyrikerin gerne aus biografischen Geschichten Kunst. Inspiriert von persönlichen Erzählungen ihres jeweiligen Gegenübers entstehen Werke, die sie generell als "Memory ARTEfact", also Erinnerungsstück, bezeichnet. Eine vierteilige Serie aus dieser besonderen Reihe geht bald auf große Reise in die US-amerikanische Stadt Houston (Texas): Dort leben die Nachfahren von Lea Weems, einer früheren Ladenburgerin jüdischen Glaubens, die in Schön-Stolls heutigem Atelierhaus in der Weinheimer Straße 20 Kinderjahre verbrachte.

Für die vier Kinder dieser Frau, die vor neun Jahren gestorben ist, hat Schön-Stoll jene erstaunlichen Collagen mit plastischen Objekten und teils religiösen Symbolen geschaffen. "Wir lieben sie jetzt schon", schrieb Weems-Tochter Judy Mukasey. Wie es dazu kam, erzählte Schön-Stoll in ihrem Atelier bei der Vernissage mit geladenen Gästen, darunter Bürgermeister Stefan Schmutz, dessen Amtsvorgänger Rainer Ziegler sowie einige Kunstfreunde und Kollegen der Ladenburgerin.

"Stolpersteine" als Anregung

Der Anfang dieser Geschichte geht auf die "Stolperstein"-Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig in der Römerstadt zurück. Er verlegte jene Gedenksteine aus Messing 2005 auf dem Gehweg vor dem Haus, in dem auch die Familie von Lea und ihrer Schwester Ruth zur Miete wohnte. Das Ehepaar Schön-Stoll hatte es erst ein Jahr zuvor erworben. Die "Stolpersteine" erinnern an die Deportation örtlicher Juden im Jahr 1940. Neben einem kleinen Jungen überlebten dank glücklicher Umstände auch die beiden damals acht- und siebenjährigen Schwestern die Verschleppung durch Nazis.

Aus dem anfänglichen "Schock, dass aus unserem neuen Zuhause Menschen auf so grausame Weise vertrieben worden sind", so Schön-Stoll, erwuchs inzwischen eine "sehr schöne Beziehung", auch zur Tochter von Lea Weems. Die Schwestern waren nämlich vor zwölf Jahren dabei, als Demnig die "Stolpersteine" verlegte. Die Hausherrin lud sie damals ein, erstmals wieder durch die früheren Wohnräume zu gehen. Auch auf diese bewegenden Momente nehmen ihre Assemblagen Bezug: Wesentlicher Bestandteil ist jeweils der Umriss des Schlüssels zu einer erhaltenen Originalzimmertür aus den 1930er Jahren.

Kosename "Oma-Key"

Auch mit den verwendeten Glasbonbons hat es eine Bewandtnis: Die in den USA erstgeborene Enkeltochter pflegte Lea Weems mit einem deutschen Wort für Großmutter um etwas Süßes zu bitten, was auf Englisch Candy bedeutet. Letzteres kürzte das Kleinkind lautmalerisch mit "Key" ab, was wiederum auch Schlüssel heißt. So wurde der Ausdruck "Oma-Key" zum Kosenamen und führte zum Serientitel "The Key To Your Heart" (Der Schlüssel zu euren Herzen). "Die Arbeiten stehen also für die kindliche Unschuld und für das Glück, dass Lea Weems vier wunderbare Kinder bekommen hat, die ihr mit ihren Partnern zehn Enkel schenkten", schloss die Künstlerin ihren Vortrag.

"Ich finde das mit dem Originalschlüssel großartig", sagte Ingrid Wagner vom Arbeitskreis jüdische Ladenburger, die die Familie von Lea und Ruth zuletzt vor zwei Jahren durch Ladenburg geführt hatte. Auch dass handgeschöpftes Papier, welches zur Einbettung der Symbole dient, gleichsam "Vergänglichkeit und das Entstehen von Neuem" ausdrücke, sei wunderbar. Wie formulierte es die Lyrikerin Schön-Stoll 2014 so treffend wie poetisch bei der Vernissage einer Schau von Erinnerungsinstallationen unter dem Motto "Menschengedenken" im Lobdengau-Museum: "In den Nebelschwaden der Erinnerung liegt unsere Seele gebettet."