Ladenburg

Ladenburg Interview mit Feridun Zaimoglu, der am 4. Juli die diesjährigen Literaturtage mit „Die Geschichte der Frau“ eröffnet

„Bücher waren immer meine Rettung“

Archivartikel

Mit seinem jüngsten Buch „Die Geschichte der Frau“ eröffnet Feridun Zaimoglu (54) aus Kiel die 3. Ladenburger Literaturtage am Donnerstag, 4. Juli, um 19 Uhr im Jesuitenhof. „Sein Werk fordert zum Diskutieren heraus“, erklärt die ehrenamtliche Mitorganisatorin und Lyrikerin Kristin Wolz. Das Thema biete sich an, weil Frauen in Deutschland vor 100 Jahren erstmals an Wahlen teilnehmen durften. Wolz moderiert zusammen mit ihrer Kollegin Carolin Callies. Die Gedichtbände der Thaddäus-Troll-Preisträgerin von 2015 aus Ladenburg hat Zaimoglu „verschlungen“, wie er im Interview verrät.

Herr Zaimoglu, wie empfinden Sie Lesereisen? Nach eigener Angabe haben sie in den vergangenen 24 Jahren mehr als 2000 Lesungen gehalten.

Feridun Zaimoglu: Das sind für mich keine Pflichtveranstaltungen. Ich liebe es, wie ein Wanderprediger unterwegs zu sein, auch wenn es zwischendurch ermüdend sein kann. Aber wenn ich dann am Lesetisch sitze, bin ich wie verwandelt: Ich versuche mich nicht im Vortragston, sondern mache eine szenische Lesung ohne Orchestergraben zwischen dem Publikum und mir.

Kennen Sie Ladenburg bereits aus Ihrer Zeit als Hausdichter am Nationaltheater Mannheim in der Spielzeit 1999/2000?

Zaimoglu: Es ist natürlich sehr lange her. Ich weiß noch, dass ich nicht nur in Mannheim war, sondern dass es mich auch in einige Kleinstädte verschlagen hat. Dort ist es zuweilen ziemlich schön. Ladenburg ist mir aber bekannt über den Namen der Dichterin Carolin Callies. Ich habe ihre beiden Gedichtbände verschlungen, bin sehr angetan und freue mich auf eine Begegnung.

Was bedeutet Ihnen die Region zwischen Rhein und Neckar? Immerhin befand sich im mittelalterlichen Ladenburg die Residenz der Bischöfe von Worms. Dort wiederum gibt es die Nibelungenfestspiele, für die Sie 2018 zusammen mit Günter Senkel das Stück „Siegfrieds Erben“ verfassten.

Zaimoglu: Es ist immer gut, an sagenumwobene und geschichtsträchtige Ort zu kommen. Da wird der Mythos lebendig. Also haben mein bester Kumpel Günter und ich uns in Worms und Umgebung alles angeschaut. Wir haben Orte und Landschaften gefunden, bei denen sich ein archaisches Gefühl einstellte. Das übersetzt sich bei mir immer in Worte und Bilder.

Sie sind Deutscher, haben türkische Eltern. „Leyla“, die Hauptfigur aus ihrem gleichnamigen Roman von 2006 über eine Gastarbeiterin der ersten Stunde, kommt in „Die Geschichte der Frau“ wieder zu Wort. Welche Rolle spielt „Leyla“ für Sie?

Zaimoglu: Eine große, denn „Leyla“ ist im Grunde genommen die Geschichte meiner Mutter – und ist es auch wieder nicht. Denn die Fiktionalisierung einer Lebensgeschichte hat immer zur Folge, dass der Schreiber etwas hinzufügt und seine künstlerische Freiheit ausübt. Meine Mutter war nicht nur damit einverstanden, sondern es machte ihr auch Vergnügen, sich manchmal am Telefon mit „Leyla“ zu melden. Sie hat sich auch gefreut, dass ich für mein aktuelles Buch noch einmal auf ihre Erinnerungen zurückgriff. Ich habe immer noch den Plan, einen Fortsetzungsroman von „Leyla“ zu schreiben.

In einem Interview bekennen Sie sich zu ihrer Liebe zu Kiel, wo sie seit 1985 leben, und zum Norddeutschen. Womit hätte die Rhein-Neckar-Region Chancen bei Ihnen?

Zaimoglu: Zunächst einmal bin ich bereits voller Dankbarkeit dafür, dass ich Hausdichter am Mannheimer Nationaltheater sein durfte. Da habe ich sehr viel gelernt, was das Handwerk anbetrifft. Insofern wird das immer mit großer Liebe und Sympathie verbunden sein. Ansonsten werde ich ja immer wieder ins Gebiet eingeladen und stelle fest, dass mir der Menschenschlag sehr gefällt: Man ist weder stieselig noch rechthaberisch und hat eine schöne Melodie in der Sprache. Man ist gesellig, nimmt sich Zeit zum Genießen, lässt die Dinge gerne mal ruhen und ist dann aber auch sehr meinungsstark. Besonders aus der Weinlaune heraus sagt man viele gute Sachen, und ich habe da schon tolle Abende erlebt.

Welche Autoren schätzen Sie als Leser?

Zaimoglu: Generell gesagt, bin ich begeistert von der deutschen Dichtung. Wir leben in einer Hoch-Zeit der deutschen Literatur und der deutschen Dichtung. Bücher sind immer meine Rettung gewesen. Ein Hoch auf den Eskapismus: Die Realität ist so spannend nicht, dass wir uns ständig von ihr verätzen lassen müssten.

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