Ladenburg

Neckar-Bergstraße Reisebüros berichten von ihren Erfahrungen mit der Pleite des Branchenriesen Thomas Cook / Kunden aus Hotel geworfen

„Das Schlimmste ist die Ungewissheit“

Archivartikel

„Die letzte Woche war der Horror“, sagt Jutta Grimmer. Sie ist die Vertretung im Schriesheimer Reisebüro von Christine Menold und berichtet, dass das Telefon praktisch nicht still stand. Die Pleite des Reiseveranstalters Thomas Cook wirkt sich auch auf die Region aus – der „MM“ hörte sich in verschiedenen Büros um.

Grimmers Kunden machen dieser Tage überall auf der Welt die unterschiedlichsten Erfahrungen. Auf Kreta, berichtet sie, seien den Urlaubern die All-inclusive-Bändchen abgeschnitten worden, die sie berechtigen, im Hotel zu essen und zu trinken: „Sie müssen jetzt alle Getränke extra bezahlen und bekommen nur noch Frühstück.“ Anderswo sollte eine Reisende 500 Euro bezahlen, damit sie im Hotel bleiben durfte. „Gestern“, fährt sie fort, „kam eine Kundin zu mir, die ihr Geld zurückhaben wollte, weil sie Tausende von Euro bezahlt hat. Und jetzt fällt ihre Reise ins Wasser.“

Selbst ist Grimmer ebenfalls betroffen, hat für November eine Fahrt nach Tansania gebucht: „Ich weiß nicht, ob sie zustande kommt.“ Nicht nur sie weiß derzeit nicht, wie es weitergeht: „Reisen bis zum 31. Oktober finden nicht statt“, teilt die Verbraucherzentrale auf ihrer Internetseite mit; was danach kommt, ist auch den Fachleuten nicht klar. Grund für den Stichtag sei, erklärt Grimmer, dass das Reisegeschäftsjahr am 31. Oktober ende: „Das Schlimmste ist, dass man so lange im Ungewissen gelassen wird.“

Kataloge ganz hinten im Regal

Bei Andreas Dienger sind es derzeit vier Buchungen, für die noch vor dem Stichtag Reisen hätten stattfinden sollen: Zwei wurden voll beglichen, zwei angezahlt. „Die Leute“, weiß der Geschäftsführer der Ladenburger Reise-Ecke, „haben Angst um ihr Geld.“ Und die Reisebüros könnten nicht viel machen: „Die Reisen können nicht umgebucht oder storniert werden, das hat jetzt alles Thomas Cook in der Hand.“ Wie auch seine Kollegin sei er „seit einer Woche am Rumtelefonieren. Ich will die Leute nicht im Stich lassen.“

Relativ entspannt ist dagegen Volker Schmidt. Seine Firma Service Plus hat auch eine Niederlassung in Ladenburg; ganz hinten im Regal stehen noch ein paar Thomas-CookProspekte, die Touren in die Südsee, nach Australien oder Neuseeland versprechen. Bis März oder Oktober 2020 gelten diese Kataloge, sagt Mitarbeiterin Karine Lafond. Doch ihr Chef erklärt, er sei „grundsätzlich vorsichtig“, habe Thomas Cook „seit langem nicht für einen solventen Partner gehalten.“

Er habe langsam genug von den Insolvenzen, seufzt er und erinnert an Air Berlin oder H&H-Touristik, für die in den vergangenen Jahren das Aus kam: „Ich setze lieber auf inhabergeführte Unternehmen wie Schauinsland-Reisen, auch wenn mich dafür manche belächeln.“

Bei dieser Pleite sei er „mit einem blauen Auge davon gekommen“, setzte im Einzelfall auf Krisenmanagement. Heikel sei der Fall einer Krebspatientin gewesen, die zum Wochenende in die Klinik musste. „Ich habe sieben Stunden in Warteschleifen verbracht“, berichtet er von seinen Verhandlungen mit dem Flieger Eurowings, wo ihm fünf Mitarbeiter im Lauf einer langen Nacht fünf verschiedene Auskünfte gaben.

Konnten die Frau und ihre Angehörigen nun fliegen? Auch er machte die Erfahrung: „Wir konnten nicht stornieren, aber auch nichts absichern.“ Ein Sicherheitsbetrag sei abgelehnt worden. Parallel zu den Telefonaten habe er die Familie „komplett durch das Verfahren gelotst“, sei frühmorgens wieder ins Büro gefahren und habe dort die erlösende Nachricht bekommen, dass die Familie im Flieger sitze.

Anderntags ging es für die Kranke direkt zur Behandlung: „Hoch emotional“ erlebte er diese Tage. Auch, als ein Paar auf Bali aus dem Hotel geworfen werden sollte. Sie hätten ein zweites Mal den kompletten Reisepreis zahlen sollen, doch nach zähen Verhandlungen gelang es, die Forderung deutlich zu drücken und den Rückflug zu buchen. „Die Menschen“, weiß Schmidt, „kriegen Panik.“

Also versuche er, sie zu beruhigen. Das gelang, und die beiden schrieben ihm zu guter Letzt: „Wir machen jetzt Urlaub.“

Zum Thema