Ladenburg

Ladenburg Jüdin Ruth Steinfeld zu Besuch in ihrer ehemaligen Heimatstadt / Eintrag ins Goldene Buch der Stadt / Heute und morgen Ehrengast bei Veranstaltungen

„Einige haben mit Steinen geworfen“

Eine Zeitzeugin ist zu Besuch aus Houston (Texas) in ihrer früheren Heimatstadt Ladenburg: Ruth Steinfeld, geborene Krell, erlebte in ihrer Kindheit, wozu Menschen fähig sind. Im Schlechten ebenso wie im Guten: Die ehemalige Bürgerin jüdischen Glaubens erinnert sich einerseits an die Ausschreitungen gegen Juden in der Pogromnacht vor 80 Jahren. Andererseits befreiten sie mutige Menschen aus dem Lager im französischen Gurs. Mit ihrer Schwester Lea überlebte sie den Völkermord, während beide Eltern 1942 in Auschwitz sterben mussten.

„Ich weiß noch, welche Angst ich hatte, als Männer mit Äxten und Hämmern in der Wohnung meines Großvaters grundlos alles kaputt schlugen“, erinnert sich Steinfeld an die „Kristallnacht“, wie sie auf Deutsch sagt. Im Jahr von Hitlers Machtergreifung 1933 geboren, lebt sie seit 1946 in den USA und spricht sonst überwiegend Englisch.

Bevor sie sich gestern auf Einladung von Bürgermeister Stefan Schmutz im Goldenen Buch der Stadt einträgt, treffen wir sie in der ehemaligen Wohnung ihrer Familie in der Weinheimer Straße 20. Dort war sie mit ihrer Schwester bereits 2008 erstmals wieder gewesen, als vor dem Haus „Stolpersteine“ zur Erinnerung an ihr Leid verlegt wurden. Die Bewohner Christoph Stoll und Gudrun Schön-Stoll haben gestern erneut den Tisch gedeckt für Tee mit Gebäck.

Totenkerze blieb verschont

Diese Gastfreundlichkeit der Gegenwart steht im krassen Gegensatz zu dem, was sich am 10. November 1938 in der nahegelegenen Neuen Anlage ereignete. Dort wohnte Steinfelds Großvater Jakob Kapustin. Weil dessen Frau gerade gestorben war, hielt auch die Familie Krell die Totenwache. Bis heute wundert sich die jüngere Tochter: „Sie zerstörten alles außer der Totenkerze für meine Oma.“

Schon zuvor litten die Krell-Mädchen unter alltäglichen Anfeindungen: „Einige haben mit Steinen nach uns geworfen und uns als Drecksjuden beschimpft – wir Juden waren für viele an allem Schuld.“ Sie versteht es bis heute nicht: „Wir waren doch gar nicht anders.“ So empfindet sie den Eintrag ins Goldene Buch als große Ehre, erklärt Steinfeld gestern: „Die Stadt erinnert sich daran, dass wir einstmals auch glückliche Einwohner waren.“

Doch gab es leider dieses dunkle Kapitel: Nachdem das Sinsheimer Geschäft des Vaters Alfred zwangsarisiert worden war, zog die Familie 1936 nach Ladenburg um, wo die Großeltern wohnten. Anfängliche Ausgrenzungen schlugen bald in staatlich organisierte Gewalt um. Zwei Jahre später dann, am 22. Oktober 1940: die Deportation der letzten 27 jüdischen Mitbürger ins Lager Gurs in Südfrankreich. „Es war schrecklich, jeden Tag starben Leute“, erinnert sich Steinfeld an die neun finstersten Monate ihres Lebens. Der Vater war bereits in der Männerabteilung.

Tarnnamen Regine

Eines Nachts weckte die Mutter ihre Töchter. Als sie ihr aus dem Bus zuwinkten, sahen sie Anna Krell zum letzten Mal. Zwar glückte immerhin die Befreiung der Mädchen dank der Kinderhilfsorganisation „Œuvre de secours aux enfants“ (OSE). Doch erkrankte Lea schwer. Die Schwestern wurden deshalb vorübergehend getrennt. Die kleine Ruth, die den weniger jüdisch klingenden Tarnnamen Regine erhalten hatte, „weinte den ganzen Tag“. Dank eines Pfarrers und Bauern gelang es beiden durch ständige Ortswechsel, bis zum Kriegsende unentdeckt zu bleiben. Mit einem Schiff voller Waisenkinder erreichten sie 1946 New York. Der aus Deutschland geflohene Großvater nahm sie auf, starb jedoch kurz darauf. Wieder waren die Schwestern auf sich gestellt.

„Ich habe immer darauf gewartet, dass meine Eltern mich abholen, noch bis zu meiner Heirat 1954“, erzählt die Zeitzeugin. Ihre Jugend verbrachten sie und Lea bei jüdischen Familien. Sie fanden Arbeit und gründeten Familien. Steinfeld, heute mehrfache Oma und Urgroßmutter, führte 60 Jahre lang einen Friseursalon. „Ich dachte, die Leute würden aus der Geschichte lernen“, sagt sie enttäuscht vom wiederaufflackernden Antisemitismus. Ihre Botschaft lautet: „Toleriert uns endlich! Warum denn nicht?“