Ladenburg

Ladenburg Literaturtage begeistern mit „Hauptstadtniveau“ / Herausfordernde Eröffnung im Jesuitenhof

Feridun Zaimoglu freut sich über Wichtel

Archivartikel

Man sieht ungewöhnlich viele Menschen am Museum sitzen, bemerkt plötzlich größere Gruppen im Grünen. Und man hört, dass da vorgelesen und bisweilen auch musiziert wird. Es ist sinnlich spürbar: Die Literaturtage „vielerorts“ sind wieder da. Am Freitag stand in Ladenburg achtmal Lyrik satt und Prosa aus dem prallen Leben auf dem Programm, auch in Schulen und im Jugendzentrum. Zum Abschluss gibt es heute mehrfach Kunstgenuss in Privatgärten und bereits um 11 Uhr in der Martinsschule. Dort untermalt Pianist Wolfram Sauer „Momentaufnahmen aus dem Ladenburger Alltag“ von Dichterin Kristin Wolz.

150 Gäste zum Auftakt

„Für uns war es ein rauschender Beginn“, sagt Carolin Callies im Namen des ehrenamtlichen Organisationsteams zum erfolgreichen Auftakt am Donnerstagabend. Im malerischen Jesuitenhof gab es s wohl seit den frühen Tagen als Adels- und Klosteranlage nicht mehr so viele Besucher: 150 Gäste ließen das traumhaft-sommerliche Ambiente zwischen Fachwerkwohnhäusern auf sich wirken. Dazu zwitscherten unablässig Kanarienvögel aus einer Voliere in der Nachbarschaft. Doch das Idyll stand bald im Kontrast zum Kongo: Aus diesem afrikanischen Land stammt Fiston Mwanza Mujila. Der Literaturdozent der Universität Graz brachte Leben in die Bude, um es salopp zu sagen. Stilmittel seines Vortrags: Lachen, repetitives Rufen und ein mehrsprachiger Straßensound, der den Lärm afrikanischer Großstädte authentisch reflektierte, aber sicher auch manchen irritierte.

Doch auch das hatten sich die Macher ja vorgenommen: zu provozieren, zum Nachdenken anzuregen. „Es ist schön, laut zu lesen“, sagt der sympathisch wirkende Autor im Interview mit Callies. Der Ladenburger Lyrikerin und ihrer Kollegin Wolz gelang es nicht nur den eigentlich schüchternen Mujila aus der Reserve zu locken: Die Moderatorinnen knöpften sich zuvor den prominenten Feridun Zaimoglu charmant-kritisch vor, um am Ende seiner beachtlichen Wichtelsammlung auch ein weibliches Exemplar hinzuzufügen. Riesige Freude bei Zaimoglu. Der umstrittene Kieler Schriftsteller mit der angenehm warmen Sprechstimme nahm pointiert zu „jämmerlichen Vorwürfen“ Stellung: „Wenn Kritiker einem Literaten literarische Sprache zum Vorwurf machen, dann haben die doch einen Schaden.“ Beifall von Fans. „Ich kenne ihn schon: Er hat eine unheimlich starke Sprache, und ich habe mir nach der Lesung sein neues Buch Die Geschichte der Frau gekauft“, sagt die Ladenburgerin Hed Deobald.

„Das ist eine schöne Veranstaltung: Ich höre gerne Lesungen, wenn es sich ergibt“, sagt Norbert Koch aus Leipzig. Der Musikfreund, der nur Konzerte im Gewandhaus noch mehr genießt, und seine lesebegeisterte Frau besuchten ihren Sohn, der hier mit seiner Familie wohnt. Das „Hauptstadtniveau“ des Abends lobte die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk, die am Freitagnachmittag im zauberhaften Waldpark ihr Publikum begeisterte. Sie wurde dabei von Musik begleitet, die der Aachener Saxofonist Heribert Leuchter eigens dafür komponiert hat. „Ich bin stolz auf eine Stadt, die eine derartige Kulisse für ein solches Format bietet“, sagte Bürgermeister Stefan Schmutz. Er dankte allen Unterstützern, die dieses „Who’s Who der deutschsprachigen Literaturszene“ in Ladenburg ermöglichen.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/ladenburg