Ladenburg

Ladenburg Hans-Michael Kissel lässt Schweres leicht erscheinen / Entspannung von der alltäglichen Kreativität beim Snowboarden

Kinetik-Künstler verleiht Technik Flügel

Sanftes Schwingen, Leben ist Bewegung, Von Flügeln begleitet, Idee vom Fliegen: Das sind Titel, welche die Kunst von Hans-Michael Kissel treffend beschreiben. Der 1942 in Worms geborene Bildhauer schafft kinetische Objekte aus Metall. Seine eleganten Skulpturen bewegen sich scheinbar geheimnisvoll – und sie bewegen den Betrachter innerlich. Seit 1970 hat er allein für den öffentlichen Raum in der Region, deutschlandweit und im Ausland über 50 solcher Arbeiten geschaffen. Ein Besuch beim Künstler in Ladenburg. Wir betreten eine andere Welt, in der die Zeit für einen Moment angenehm still zu stehen scheint.

„Ich zeige mit meinen Objekten, wie heute Entschleunigung aussehen kann“, sagt Kissel, als er zum Rundgang einlädt. Das Gebäude in der Altstadt ist Wohn-, Arbeits- und Ausstellungsraum unter einem Dach. Tief unten, im ehemaligen Eiskeller, bleibt ein kluger Kopf stets kühl. Hoch oben, auf der sonnigen Dachterrasse, wärmt die Aussicht auf die Umgebung das Herz des Künstlers, der sich seit seinem 60. Geburtstag mit Snowboarden im Engadin von der alltäglichen Kreativität entspannt. An all diesen Orten gedeiht Inspiration. An der Wand: Das Modell einer kinetischen Wandplastik von meditativem Charakter. Einmal in Gang gesetzt, kreisen die Himmelskörper symbolisierenden Scheiben umeinander sowie um sich selbst. Es ist das Modell von „Hommage an Galileo“, das im Original im Foyer eines Düsseldorfer Pharmakonzerns den Raum gestaltet.

Naturwissenschaftliche Kunst

Oft sind es blattförmige Gebilde, die nicht nur vom Wind bewegt werden, sondern auch von Regen, Schnee oder einem elektronischen Impuls. Es ist naturwissenschaftliche Kunst. Metall dient ihm als Symbol der Moderne. Man könnte auch sagen: Kissel verleiht der Technik Flügel. Schweres leicht erscheinen zu lassen: Das kommt an. Sein erster großer Auftrag von 1972 ist eine Scheibenkinetik für die Olympischen Spiele in München. Es folgen das wassermechanische Wellenspiel und die kinetische Schnecke für die Bundesgartenschau Mannheim. Wer den Husumer Hafen besucht, kann dort Kissels „Seezeichen“ bewundern. Mit der Ritterpassage in Leipzig hat er einen ganzen Straßenraum gestaltet. Zu dieser „Hommage an Johann Sebastian“ inspirierte den Barockmusik-Fan Kissel ein Brief des Komponisten Bach als Thomaskantor der Stadt an die Verwaltung: Die besonders geschwungenen Schriftzüge seines Schreibens dienten als Vorlage zur Skulptur.

Das aufmerksame Auge erkennt überall typische und oft poetisch betitelte Werke wie „Blätterphantasie“ in seiner Wahlheimtatstadt Ladenburg. In Ilvesheim, wo seine Frau Annette Maria eine Physiotherapiepraxis betrieb, hat er früher ebenso gewohnt - und künstlerische Spuren hinterlassen wie den Rathausbrunnen. Apropos Familie: Durch seine drei Töchter fühlt sich Kissel „verzaubert und mit dem neuen Jahrtausend emotional verankert“. Zurzeit überwacht er den Umbau seines Elternhauses in Worms. Auch darin verfügt der in Metallgestaltung, Silberschmieden und Holzbearbeitung Ausgebildete über Erfahrung: Hat der handwerklich versierte Kissel doch das außergewöhnlich große Lagerhaus mit Eiskeller realisieren lassen – gegen den Rat von Fachleuten. Doch hält Kissel fest: „Kunst ist, was alle anderen nicht machen und wovor alle guten Freunde abraten.“

Wirtschaftlichkeit ist bedeutsam

Kein Geringerer als der Bauhausschüler und legendäre Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld empfahl ihm einst, erst einige handwerkliche Berufe zu erlernen, um als Künstler und Designer erfolgreich zu sein. Wagenfeld hatte an der Zeichenakademie Hanau seine Lehre gemacht. „Deshalb bin ich da auch hin“, so Kissel und ist bis heute dankbar für die Anregung. „Die Basis für meinen Erfolg ist, in mehreren handwerklichen Fähigkeiten Profi zu sein“, sagt Kissel. Dies ermögliche es, „Probleme bewältigen können, die normalerweise nicht zu bewältigen sind“. Auch waren seine Eltern anfangs beruhigter, dass er „nicht nur brotlose Kunst anstrebte, sondern immer noch eine breite handwerkliche Basis hatte“.

Der humanistisch gebildete Kissel bedauert, dass an Kunstschulen selten von der Finanzierbarkeit von Kunst die Rede ist. „So kommen Studenten in die freie Wildbahn und sind von Hartz-IV abhängig.“ Die Wirtschaftlichkeit sei jedoch enorm bedeutsam. „Kunst ist grundsätzlich unnötig, das zeigt uns die Gesellschaft immer wieder, aber deshalb muss man Begeisterung vermitteln und Bedürfnis nach Kunst erwecken.“