Ladenburg

Ladenburg Kreisarchiv zeigt Ausstellung über „Kurpfälzische Auswanderer im 18. Jahrhundert“ / Deutliche Parallelen zur heutigen Flüchtlingskrise Europas

Kirchen- und Bibelpioniere von hier

Archivartikel

Es war beim 2. Internationalen Filmfestival vor wenigen Wochen in Ladenburg: Am Eröffnungstag begeisterte ein Beitrag die Zuschauer besonders. In dem ganz hinreißenden Dokumentarfilm „Hiwwe wie Driwwe“, der auch gerade zu einem regionalen Programmkino-Hit avanciert, wird nämlich ein erstaunlicher Aspekt illustriert: Zu sehen ist, wie rund 400 000 Nachfahren Kurpfälzischer Auswanderer bis heute in den USA mit dem „Pennsylvania-Deutsch“ nach Kräften einen Dialekt pflegen, wie er vor rund 300 Jahren rund um Mannheim gesprochen wurde.

Das Thema passt zu der noch bis 10. Oktober laufenden Ausstellung „Neue Heimat Pennsylvanien – Kurpfälzische Auswanderer im 18. Jahrhundert“. Die von dem Viernheimer Sammler Herbert Kempf initiierte und bestückte Schau im Ladenburger Kreisarchiv vertieft historische Hintergründe der damaligen Fluchtbewegung: Kostbare alte Drucke und Bibelausgaben aus Kempfs privater Sammlung dokumentieren dieses besondere Kapitel der regionalen Geschichte. Außerdem stehen zentrale Figuren unter anderem aus Ladenburg und Schriesheim im Blickpunkt. Auch deshalb stieß die Vernissage am Donnerstagabend auf großes Interesse. Bereits 2017 zeigte das Kreisarchiv in Ladenburg erfolgreich eine Kampf-Sammlung von 70 Originalen historischer Landkarten der Region.

Weil den Machern um Kreisarchivar Jörg Kreutz nicht verborgen geblieben ist, wie hervorragend jener eingangs genannte Film die aktuelle Ausstellung ergänzen würde, findet am Dienstag, 17. September, um 19.30 Uhr im Domhofsaal eine Sondervorführung von „Hiwwe wie Driwwe“ statt. Die „hohe politische Aktualität des Themas“ würdigten sowohl Kreutz als auch Kempf vor dem Hintergrund der heutigen weltweiten Flüchtlingskrise in ihren einführenden Worten. Die Parallelen sind offensichtlich: Religiöse Verfolgung und wirtschaftliche Not durch Klimaprobleme als Auslöser von Flucht, katastrophale Bedingungen in Lagern und auf Schiffen sowie Probleme bei der Integration, weil in der neuen Heimat an Sprache sowie Traditionen festgehalten und der Glaube über alles gestellt wird.

Damals träumten Reformierte und Lutheraner, Mennoniten, Täufer und Angehörige weiterer Glaubensgemeinschaften im Südwesten vom US-Bundesstaat Pennsylvanien als dem „Land der Gewissens- und Religionsfreiheit“, wie ein Kapitel der Ausstellung heißt. Was sie so wertvoll macht, sind Porträts von Pionieren aus der Region: Aus Ladenburg kam Johann Christoph Sauer, der 1739 in Germantown bei Philadelphia die erste rein deutschsprachige Druckerei Amerikas eröffnete. Dort entstand die erste US-Bibel in deutscher Sprache. Der Ladenburger Heimatbund und Gäste vom Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis würdigten diesen prominenten Sohn der Stadt bereits 2013 mit einer Infotafel am Ex-Wohnhaus (Marktplatz 10).

Zwei Originalseiten der Sauer-Bibel sind in der Ausstellung ebenso zu sehen wie ein seltenes Exemplar der „Gun Wad Bible“ von Sauers Sohn: Sie wird so genannt, weil Revolutionstruppen 1776 Druckbögen konfiszierten und das Papier zum Stopfen des Schießpulvers in Gewehrläufen nutzten. Aus Schriesheim stammte Alexander Mack. Der Sohn einer reichen Müllerfamilie machte die Talmühle 1705 zum Mittelpunkt einer pietistischen Gemeinde. Er wurde ausgewiesen, starb 1735 in Germantown. Die von ihm gegründete „Kirche der Brüder“ (Church of the Brethren) ist heute einer der großen protestantischen in den USA.

„Das ist eine Sammlung, wie ich sie in dieser Vollständigkeit noch nicht gesehen habe“, sagte Heidi Adam, die Vorsitzende der Vereinigung der Geschichts- und Heimatvereine im Kreis Bergstraße, als Besucherin. Schon jetzt sei diese Ausstellung ein „außergewöhnlicher Erfolg“, so Joachim Bauer, der stellvertretende Landrat des Rhein-Neckar-Kreises.

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