Ladenburg

Ladenburg Götz Seidel stellt bis 15. Juni im Café Antique eine Sammlung von 400 Barbie-Puppen aus / Ursprüngliche Idee für US-Produkt stammt aus Deutschland

Mädchenträume stehen in Reih und Glied

Archivartikel

400 besondere Gäste beherbergt das Café Antique im Auktionshaus Seidel noch bis zum 15. Juni: Barbie-Puppen aus einer holländischen Sammlung, die die bei der Sommer-Auktion am 15. und 16. Juni versteigert werden.

Beim Rundgang überrascht Götz Seidel, der Chef des Auktionshauses, mit einer zumindest für Barbie-Ignoranten überraschenden Tatsache: „Das war ursprünglich ein deutsches Produkt.“ Er erzählt die Geschichte der Firma Hausser, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg mit ihren Elastolinfiguren gute Geschäfte gemacht hat: Soldaten, Fahrzeuge, Tier- sowie Indianerfiguren und mehr zählten zum Repertoire, alles handbemalt. Nach 1945 spezialisierte sich die Firma auf Ritterfiguren aus Kunststoff. „Die waren schon teuer“, meint Götz Seidel und spricht von hohen Arbeitskosten.

Und dann ging Hausser in den 1950er Jahren eine Kooperation mit der „Bild“-Zeitung ein. Das Blatt brachte eine Comic-Serie mit der „Bild“-Lilli, die Firma stellte dazu die Puppe her. Doch nach und nach geriet das Unternehmen in schwere wirtschaftliche Probleme. Und dann griff General Zufall ein. Eine Mitarbeiterin der amerikanischen Firma Mattel sah bei einem Deutschlandbesuch die „Bild“-Lilli, fand Gefallen daran und nahm die Puppe mit in die Vereinigten Staaten.

Produktion in Japan

Was dann folgte, ist ein klassischer Fall von Produktpiraterie: Mattel gab eine Produktion der Puppe in Auftrag, allerdings nicht in Amerika, sondern in Japan. Die Löhne dort waren nämlich niedriger, und die Fertigung der Puppenkleidung per Handarbeit sehr aufwendig.

Der Firma Hausser blieb das alles nicht lange verborgen. „Aber sie konnte sich wegen ihrer wirtschaftlichen Schwäche nicht richtig wehren und musste sich mit einer kleinen Abfindung zufriedengeben“, erzählt Götz Seidel. Er zeigt auf eine Vitrine, in der die „Bild“-Lilli und die Barbie Nummer 1 nebeneinanderstehen. Sie sind fast identisch. „Ein klarer Produktklau“, meint der Spielzeugexperte.

„Bei der Barbie stehen nicht die Puppen im Vordergrund, sondern die Kleidung“, fährt er fort. „Man kann sehen, wie sich die Mode entwickelt hat.“ Tatsächlich, Ältere werden die Entstehungszeiten der jeweiligen Puppen problemlos anhand der Kleidung bestimmen können. So nebenbei wurde auch ein Weltbild transportiert, denn die Damen gehören meist besseren Schichten an, sind schlank und in einem geläufigen Sinne hübsch. Heile Welt, die als Vorbild präsentiert wird. „Da werden ein Schönheitsideal und ein gewisses Konsumverhalten verkauft“, meint der Auktionator.

Ken, der männliche Gegenpart von Barbie, entstammt ebenfalls „besseren Schichten“. Seine Kleidung macht ihn als Pilot, Musiker oder Sportler kenntlich. „Auch er hat immer einen gewissen Stil.“ Und mit Puppen war es bald nicht mehr getan: „Man wollte die Kinder dazu bringen, sich weitere Artikel wie Boote und Autos zu kaufen.“

Es gibt auch Kritik an den Puppen. Damit werde ein „Schlankheits-Körperkult“ verbreitet, lautet ein Vorwurf. Und in manchen muslimischen Ländern sind Barbies verboten, weil sie dem dort propagierten Frauenbild widersprechen, erläutert Götz Seidel.

Weshalb sind die Puppen im Café Antique zu bewundern? Seidel: „Unser Konzept ist es, Sammlungen noch einmal komplett zu zeigen, bevor sie zerstreut werden.“ Natürlich kennt der Auktionator die Besitzerin, eine Holländerin. „Das waren fanatische Sammler“, beschreibt er das Ehepaar. „Er hat Dampfmaschinen gesammelt, sie Barbies. Die haben dann einen Schnitt gemacht in ihrem Leben, die Sammlungen verkauft und ein ganz anderes Leben begonnen. Es kann immer sein, dass man morgens aufsteht und sagt: Das ist Ballast.“

Die meisten Puppen sehen aus wie neu, Kinder dürften nie damit gespielt haben. Das wird wohl auch bei den künftigen Besitzern so bleiben.