Ladenburg

Ladenburg Oldtimer-Tour „131 Jahre Frau am Steuer“ am 10. und 11. August / Automuseum und ASC auf den Spuren von Bertha Benz

Pionierin will zum „Quetschekuche“-Essen

Archivartikel

Es ist Sommer, eine Mutter macht mit ihren Söhnen einen Ausflug. Soweit, so unspektakulär. Heute zumindest. Bertha Benz schrieb allerdings mit genau dieser Aktion im Jahr 1888 Geschichte.

„Es war an einem Tage im August, die Schulferien hatten gerade begonnen“, erinnert sie sich später an die Fahrt, die früh morgens damit beginnt, dass sie den 15-jährigen Eugen und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Richard aus den Betten holt und den Benz-Patentwagen flott macht. Klammheimlich, damit nicht etwa Gatte Carl wach wird und die ganze Aktion vereitelt.

„Man darf nun aber nicht denken, dass Bertha eine Frau war, die hinter ihrem Mann zurücksteckte“, sagt Winfried Seidel, „sie war eher dominant in dieser Ehe und stand neben ihm.“ Der Inhaber des Ladenburger Automuseums Dr. Carl Benz kennt beinahe alle Details dieser Tour, die als erste Langstreckenfahrt mit einem Automobil in die Geschichte einging.

Alle zwei Jahre veranstaltet das Museum zusammen mit der Traditions-Landesgruppe des Allgemeinen Schnauferl-Clubs(ASC) eine Bertha-Benz-Fahrt. Sie jährt sich heuer zum 131. Mal; zwar ist weder der genaue Tag noch die Strecke überliefert, die das Trio bis zum Zielort Pforzheim zurücklegte.

Ein Jahr Vorbereitungen

Doch haben sich Seidel und sein Team in der knapp einjährigen Vorbereitung eine Route zurechtgelegt, die der damaligen sehr nahe kommen dürfte. „Es gab 1888 noch keine Straßenbeschilderungen“, sagt er und zitiert Bertha Benz: „Wir sind entlang der Bahnlinie und an Wasserläufen gefahren.“ Nicht zuletzt, weil der kleine Motor ständig Wasser zur Kühlung braucht.

Bei der Gedächtnisfahrt geht es komfortabler zu: Startpunkt am 10. August ist das Mannheimer Maimarkt-Gelände, wo sich die Teilnehmer bereits am Vorabend treffen. „Das ist wunderbar, die Autos parken in der Maimarkthalle, dazwischen werden Tische aufgestellt, man kommt ins Gespräch und schließt Freundschaften“, schwärmt Seidel. 70 Fahrer werden diesmal erwartet; sie kommen aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und Großbritannien, und sie sind in Gefährten mit Baujahren jenseits von 1930 unterwegs. Mancher Oldtimer mit Kerzenlampe oder Karbidscheinwerfer dürfte wohl fast heranreichen an den Patentwagen, den Bertha Benz damals sattelte.

Die Tour verspricht jedenfalls einen Genuss für alle Autofans; sie führt über Ilvesheim, und gegen 10.30 Uhr wird der Konvoi am Museum erwartet.

Mit ihrer Probefahrt, berichtet Seidel, habe die Pionierin vier Ziele verfolgt. Sie wollte ihre Mutter besuchen, das neu geborene Baby ihrer Schwester begrüßen und „ihrem Mann zeigen, dass er etwas geschaffen hat, das auch funktioniert.“ Zeigen, dass die „Kutsche ohne Pferd“ auch längere Touren über Stock und Stein durchhält.

Der vierte Grund ist profanerer Natur, aber auch er ist historisch belegt: Als großer Fan von „Quetschekuche“ plant Benz nämlich einen Abstecher zu einer Freundin ins Glottertal, die für ihren köstlichen Zwetschgenkuchen berühmt ist.

Tanken an der Apotheke

Sie kommt tatsächlich dort an, doch muss man sich die Fahrt über die staubigen, buckeligen Pisten einigermaßen beschwerlich vorstellen: Steigungen schafft der Patentwagen nur mit Nachhilfe , weshalb zumeist der kräftige Eugen immer wieder aussteigen und schieben muss. Er ist es auch, der feststellt, dass die Benzinleitung verstopft ist. Seine Mutter hat glücklicherweise eine Hutnadel dabei, mit der das Problem behoben wird.

In Wiesloch wird getankt, und zwar an der Apotheke: Hier füllt die Familie den Tank mit dem Reinigungsmittel Ligroin auf – eine Station, die jetzt an der Stadtapotheke wiederholt wird. Zuvor überqueren die vierrädrigen Veteranen bei Edingen den Neckar. An jeder Station bekommen die Fahrer silberne Folienplaketten; wer durchhält bis zum Schluss, landet schließlich in Pforzheim, von wo es am nächsten Tag, dem 11. August, wieder zurück geht nach Mannheim. Auch in Erinnerungen an die Pannen von einst, an blank gescheuerte Kupferleitungen, verschlissene Bremsen und marode Antriebsketten, die ein Schmied in Bruchsal wieder repariert. Am Ziel telegrafiert Bertha ihrem Gatten, dass sie wohlbehalten in Pforzheim angekommen ist.

Der freut sich, vermutet Seidel: „Ich glaube, er war stolz, dass sie es geschafft hat.“ Und machte sich darauf gleich ans Arbeiten, denn wenig später gingen auch schon die ersten 30 Aufträge bei ihm ein.

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