Ladenburg

Ladenburg Hermann Dunda erzählt von den Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs in der Römerstadt / Viele Dokumente entdeckt

„Viele von Bürgern und Soldaten tot geblieben“

Archivartikel

„Das ist die einzige Stelle, an der man noch etwas sieht.“ Hermann Dunda zeigt auf die Beschädigungen am Ladenburger Martinstor. Mit „etwas“ meint der gelernte Ingenieur, Sammler und Hobby-Historiker Spuren des Dreißigjährigen Kriegs. Denn obwohl das Inferno die gesamte Region verheerte, zeugen außerhalb von Archiven und Museen nur diese unscheinbaren Löcher davon.

1618 beginnt der Dreißigjährige Krieg, doch erst 1620 kommt er in der Region an: Der spanische General Spinola erobert den Bereich zwischen Mainz und Weinheim. „In Ladenburg war er wohl nicht“, meint Dunda. Ziel ist es, die Kurpfalz zu erobern, die dem „Winterkönig“ Friedrich V. von der Pfalz gehört, der mit der Annahme der böhmischen Königskrone große Verantwortung für den Ausbruch des Kriegs trägt.

1621 trifft Spinolas Stellvertreter Corduba in der Region ein, dann der berühmte General Tilly, beides Feldherrn der katholischen Seite. Sie wollen Ladenburg erobern, das eine strategische Position zwischen den Festungen Mannheim und Heidelberg einnimmt.

Kampflose Kapitulation

Von hier aus kann man den Fluss als Versorgungsader sperren und beide Seiten des Neckars kontrollieren. Die Stadt ergibt sich kampflos, und das spanische Regiment Isenburg zieht als Besatzung ein. Den Befehl über die 1200 Mann hat Oberstleutnant Adolf Freiherr von Eynatten. Im Frühjahr 1622 kommt Friedrich V. mit seinem Söldnerführer Mansfeld und 9000 Mann. Mansfeld belagert Ladenburg, lässt sieben Kanonen an der heute verschwundenen Kirche St. Martin (am Friedhof) aufstellen. Am 6. Mai 1522 verschießen sie 122, am folgenden Tag über 90 Kugeln, doch die Geschütze haben nicht genügend Durchschlagskraft, um die Mauern zu zerstören.

„Übel verwahrter Ort“

Von dieser Beschießung dürften die Schäden am Martinstor stammen, vermutet Dunda. Schwerere Kaliber hätten nämlich größere Verheerungen angerichtet. Dabei galt Ladenburg mit seiner schwachen und veralteten Befestigung aus dem 13. Jahrhundert als „übel verwahrter Ort“. Trotzdem will sich Eynatten nicht ergeben. Mansfeld lässt große Kanonen, so genannte „Mauerbrecher“, aus Mannheim holen.

Die machen ihrem Name Ehre: Ein Stück Stadtmauer links oder rechts des Martinstors wird durchschlagen. Mansfeld schickt einen Trommler, der die Kapitulation der Stadt fordert, „sonsten keiner verschont, auch das Kind im Mutterleib nit verschont werden solle“. Eynatten erwidert ihm trotzig, dass er gottlob kein Kind im Leib habe.

Schließlich kommt es am 8. Mai 1622 doch zu Verhandlungen vor dem Heidelberger Tor, für deren Dauer der Kommandant ein Schießverbot verhängt. Während Eynatten mit einem Obristen der Gegenseite spricht, rücken die Truppen Mansfelds auf die beschädigte Mauer vor, was nicht den Kriegsbräuchen entspricht. Sie stürmen die unverteidigte Breche und erobern die Stadt. „Manche Soldaten sind geflüchtet und haben sich versteckt, andere sind umgebracht worden“, erzählt Dunda.

Leutnant Hans Frühl ist Kommandant der Schanze, die bei Neckarhausen unweit der Schiffsbrücke liegt, und Zeuge des Geschehens. Er schreibt, dass „viele von Bürgern und Soldaten tot geblieben“ und dass die Eroberer „auch mit ehrlichen Weibspersonen sehr übel verfahren sein“. Aber nur wenige Häuser sind zerstört oder beschädigt worden, fügt der der Leutnant an.

Suche nach dem Sündenbock

Die genaue Beschreibung der Geschehnisse ist meist den Verteidigungsschriften des Kommandanten bzw. seiner Offiziere zu verdanken. Denn ein Sündenbock für den schmählichen Verlust der Stadt muss gefunden werden. So werfen die Offiziere Eynatten vor, durch sein Schießverbot eine Verteidigung unmöglich gemacht und sich außerhalb der Stadt begeben zu haben, ohne die Verteidigung zu organisieren. Eynatten wiederum versucht, den Anschuldigungen entgegenzutreten. Und natürlich ist das Wissen um die Geschehnisse Hermann Dunda zu verdanken, der diese und noch mehr Schriften entdeckt und gesammelt hat.

Mansfeld zieht ab. Später soll Ladenburg von den in Heidelberg liegenden Truppen des Kurfürsten geplündert worden sein. Im Juni 1622 besetzt Tilly kampflos die Stadt. Im September fällt Heidelberg, im November Mannheim. Die katholische Seite hat den Kampf um die Kurpfalz gewonnen, zumindest vorerst. Dann herrscht bis Ende 1631 relative Ruhe in der Region. Doch im Dezember besetzen schwedische Truppen Ladenburg.

Bevölkerungszahl sinkt stark

Nach der Schlacht von Nördlingen Anfang September 1634, die die Schweden verlieren, wird die Pfalz von den Bayern erobert. Dann wieder eine längere Pause bis zum blutigen Finale: Im September 1644 nehmen die Schweden Ladenburg ein, danach die Franzosen, dann die Bayern, nochmals die Franzosen, erneut die Bayern. Hermann Dunda fügt an: „Und dann gibt es immer wieder Überfälle dazwischen.“ Dazu Hunger und Krankheiten.

Eine genaue Bilanz der 30 Jahre Krieg kann Hermann Dunda mangels Überlieferungen nicht ziehen, hält aber fest: „Die Ladenburger Bevölkerung ging sehr stark zurück. Zählte sie 1266 Köpfe im Jahr 1577, so waren es 1671 nur noch 600. Und dabei kann man davon ausgehen, dass die Bevölkerung seit dem Friedenschluss von 1648 wieder angewachsen war.“