Ladenburg

Ladenburg Konzertlesung mit „Samuel & Samuel“ aus der Reihe „quergedacht“ begeistert in der ausverkauften Martinsschule mehr als 300 Zuhörer

Zwei Stunden vergehen wie im Fluge

Den Kampfgeist hat er von der Mutter: „Stell’ Dich nicht so an!“, habe sie früher oft zu ihm gesagt. Das Selbstwertgefühl gab ihm der Vater mit: „Du bist 1 plus“, hieß es zu Hause, auch als der Junge einmal mit einer Fünf in Englisch nach Hause kam. Dann gesellte sich im Lauf der Zeit zu seinem starken Glauben auch noch eine Allergie gegen den Satz „Das geht nicht“. Diese Facetten machen den heute 30-Jährigen aus, der 2010 bei der TV-Show „Wetten dass…“ so schwer verunglückte, dass er seitdem vom Hals abwärts querschnittsgelähmt ist. Am Samstag trat Samuel Koch bei einer begeisternden Konzertlesung in Ladenburg auf.

Koch: „Total beeindruckt vom Ort“

Im ausverkauften Foyer der Martinsschule für Körperbehinderte plauderte der ausgebildete Schauspieler und Autor mit seinem Freund, dem hessischen Liedermacher Samuel Harfst, und las in einem großen Ohrensessel sitzend aus seinem Buch „Rolle vorwärts“. Dazu gab es Songs von Harfst und Band aus deren neuem Album „Endlich da sein wo ich bin“. Beim musikalischen Vorspiel von Dirk Menger am E-Piano, fuhr Koch im Rollstuhl über Rampen in den Saal und auf die Bühne. Hinter einem Sichtschutz zog Koch vom „Rolli“ in den Sessel um. „Während sich Sämis Verwandlung vollzieht“, so Harfst, gaben die Musiker „Alles Gute zum Alltag“ zum Besten.

Zwei solcher sensibler Songs hatte die Familie nach Kochs Unfall auf dessen Handy entdeckt. Harfst besuchte Koch in der Rehabilitation. Heute verstehen sich „Samuel & Samuel“ nicht nur als künstlerisches Duo, sondern bezeichnen sich als Freunde. So erlebten über 300 Zuhörer einen außergewöhnlichen und wunderbar entschleunigenden Abend. Und zwar zwei Stunden am Stück, die wie im Fluge vergingen.

In seiner Begrüßungsrede zeigte sich Koch „total beeindruckt vom besonderen Ort“ der Martinsschule und eröffnete das Gespräch mit Erinnerungen an die eigene Schulzeit im Südbadischen. An Kochs Seite saß die Heidelberger Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin Johanna Reiß, die Seiten aufschlug und umblätterte. Dass sie mehr als seine „Buchhalterin“ sei, betonte Koch, indem er beschrieb, wie es ihre Arbeit erst ermögliche, dass er auf der Bühne des Staatstheaters Darmstadt vor Tausenden sprechen könne.

Mucksmäuschenstill lauschte das Publikum auch Passagen aus Buchkapiteln wie „Nah an der Sonne gebaut“. Immer wieder zeigte Koch überaus humorvoll und selbstironisch auf, wie er den Schock der Unfallfolgen überwand und woraus er noch immer Kraft zieht. Gibt es Lebensglück nur dann, wenn alles so ist, wie man es ich vorgestellt hat? „Nein“, sagt der frühere Turner Koch, der längst inneren Frieden gefunden hat und vor Tatendrang zu beben scheint.

Eingangs freute sich Schulleiter Steffen Funk, dass es gemeinsam mit evangelischer Kirchengemeinde und Kirchenbezirk Ladenburg-Weinheim gelungen sei, dieses „tolle Event“ im Rahmen der kirchlichen Kulturreihe „quergedacht“ nach Ladenburg zu bringen. „Wir öffnen unsere Schule gerne immer wieder der Bevölkerung“, sagte Funk. Besonderer Dank galt dem Team um Diakon Thomas Pilz, dem Kollegium und vor allem den Hausmeistern, „die Großartiges geleistet haben“. Für Pilz war es „der absolute Höhepunkt dieser Reihe“. Erfreulicherweise hätten sich ERDA-Gartenbau und „Unsere Küche“ (Bernd Jaschutschik) bereiterklärt, dem geplanten „quergedacht“-Sponsorenkreis beizutreten.