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Gymnasium Eisenmann will Prüfungsaufgaben im Südwesten erstmals per Speichermedium verteilen und erntet breiten Widerstand

Abitur: Schulen lehnen Druck ab

Stuttgart.Erstmals sollen in Baden-Württemberg in diesem Jahr die Abituraufgaben per USB-Stick, also ein elektronisches Speichermedium, an die 450 Gymnasien verteilt werden. In der Bildungsszene geht die Woge der Empörung hoch. „Den Philologenverband haben viele ratlose, entsetzte und verärgerte Rückmeldungen von gymnasialen Lehrkräften und Schulleitungen erreicht“, berichtet Verbandschef Ralf Scholl. Die ersten Rückmeldungen über den Testlauf an 41 Gymnasien beim Kultusministerium scheinen aus einer anderen Welt zu kommen. „Das Verfahren lässt sich problemlos anwenden“, zitiert eine Sprecherin aus der E-Mail eines Schulleiters. Ein anderer habe die „Aufregung von Anfang an nicht nachvollziehen können“.

Die Ablehnungsfront bei den Lehrergewerkschaften steht. Um mindestens ein Jahr müsse die Umstellung angesichts der „grundlegenden Änderung der Abiturorganisation“ verschoben werden, fordert Philologenverbandschef Scholl. Erst müssten die Schulen mit geeigneten Kopierern ausgestattet werden.

Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) berichtet Landesvorsitzende Doro Moritz von „erheblichem Unmut“ und lehnt das ganze Verfahren ab. Das Kopieren der Aufgaben in den Schulen „bedeutet eine deutliche Mehrarbeit und Stress in der Vorbereitungsphase“, schreibt sie in einem Brief an Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Sie warnt vor Unterrichtsausfall für andere Klassen.

Zweifel beim Gemeindetag

Städte und Gemeinden, die für die Ausstattung der Schulen mit Kopierern zuständig sind, gehen ebenfalls auf Distanz. „Der Zusatzaufwand für die Stick-Lösung ist groß“, warnt Norbert Brugger vom Städtetag. Und es sei „fraglich, ob sie mehr Sicherheit bringt“. Auch beim Gemeindetag bleiben Zweifel. „Ob die Gymnasien tatsächlich flächendeckend technisch und personell so aufgestellt sind, dass sie am Prüfungsmorgen in hundertfacher Ausführung ausdrucken können, können wir nicht abschließend beurteilen“, erklärt die Sprecherin. Auf jeden Fall will der Gemeindetag verhindern, dass die kommunalen Schulträger Verantwortung für das Gelingen des Abiturs bekommen.

Den Ball spielt die Sprecherin des Kultusministeriums zurück: „Wer im Zeitalter der Digitalisierung seinen Schulen nicht zutraut, Aufgaben zu kopieren, sollte rasch seiner Verantwortung für eine zeitgemäße Ausstattung nachkommen.“ Die Kritik werfe ein schlechtes Licht auf die Schulleitungen, habe aber mit der Realität nichts zu tun.

Die Umstellung sei „reichlich überlegt“, betont die Sprecherin. Zur Begründung verweist sie auf den Diebstahl von Abituraufgaben in einem Stuttgarter Gymnasium. Im vergangen Jahr habe man nach einem Einbruch in Niedersachsen innerhalb von zwei Tagen Ersatzaufgaben an alle Gymnasien verteilen müssen. Bisher lagerten die Aufgaben in gedruckter Form oft längere Zeit in den Schultresoren. Für Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch, wo die Aufgaben aus dem bundesweiten Pool kommen und Diebstähle entsprechend weitreichende Folgen hätten, sollen die Aufgaben den Schulen erstmals per USB-Stick zugestellt werden. Am Prüfungstag ab sechs Uhr muss dann per E-Mail das zur Entschlüsselung notwendige Passwort zugestellt sein. „Wir wollen die Aufgaben so kurz wie möglich lagern“, betont die Sprecherin. Die knappen Zeitvorgaben treiben vielen Schulleitern aber die Schweißperlen auf die Stirn.

Manche Städte haben schon Probleme damit, dass die Schulen – wie von Eisenmann gefordert – um sechs Uhr das Personal bereitstellen. Es gibt Arbeitszeitverordnungen, die Sekretärinnen oder Hausmeistern einen Dienstbeginn vor sieben Uhr verbieten.

Die Nachbarländer Hessen und Rheinland-Pfalz verteilen seit vielen Jahren ihre Abituraufgaben am Tag vor der Prüfung per Verwaltungsnetz oder Internet. „Das Verfahren wird von den Schulen sehr gelobt“, berichtet ein Sprecher des Mainzer Bildungsministeriums. Das habe sich bewährt, berichtet sein Kollege aus Wiesbaden. Für Städtetagsmann Brugger wäre der zeitliche Vorlauf von einem Tag auch für den Südwesten eine gute Lösung.