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Bildung Eisenmann favorisiert Microsoft-Programme für die Schulplattform / Zwischen Stimmungsmache und fachlichen Bedenken

Ängste vor den Datenkraken

Archivartikel

Stuttgart.Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will Programme des US-Konzerns Microsoft in die Bildungsplattform einbauen. Das stößt auf Proteste von Elternvertretern und Lehrern sowie Bedenken des Datenschutzbeauftragten Stefan Brink. An diesem Freitag steht das entscheidende Gespräch mit dem US-Konzern an.

Warum ist eine Bildungsplattform so wichtig?

Die wochenlange Schulschließung mit Fernunterricht hat die Wichtigkeit einer Bildungsplattform noch einmal verdeutlicht. Dazu gehören drei Elemente: ein Programm für die Abwicklung des Unterrichts in digitaler Form, das sogenannte Lernmanagementsystem. Längst überfällig ist der zweite Bereich, zu dem eine E-Mail-Adresse für jeden der 130 000 Lehrer und ein Programm zum sicheren Austausch zwischen Lehrern und 1,5 Millionen Schülern gehört. Die dritte Säule umfasst Büroprogramme wie Textverarbeitung.

Wie ist der aktuelle Stand der Einführung?

Eisenmann will möglichst noch in diesem Jahr zentrale Elemente einführen. Als Lernmanagementsystem nutzen viele Schulen bereits seit dem Frühjahr das frei zugängliche Moodle, für das während der Pandemie zusätzlicher Speicher reserviert wurde. Allerdings musste das Herzstück der Bildungsplattform vor der dauerhaften Einführung europaweit ausgeschrieben werden. Das Verfahren läuft noch. Bereits entschieden ist dagegen, dass für den Nachrichtenaustausch der Nachrichtendienst Threema eingesetzt wird. Der weit verbreitete Messenger Whats-App ist in den Schulen tabu. Für die Bürosoftware soll demnächst ein Pilotprojekt starten, um Erfahrungen zu sammeln.

Was wenden die Kritiker gegen Microsoft ein?

Viele Menschen, die privat oder am Arbeitsplatz Microsoftprogramme nutzen, werden sich verwundert die Augen reiben über die Diskussion. Selbst in Ministerien und Sicherheitsbehörden werden Word, Excel und Outlook bisher ohne Beanstandung eingesetzt. Persönliche Daten von Schülern und Lehrern könnten in den USA landen, fürchtet Cord Santelmann vom Philologenverband. Selbst von Servern, die in Europa stünden, müssten US-Firmen den Behörden Daten ausliefern. Die Daten von Schülern und Lehrern müssten geschützt werden, forderte Anfang der Woche Michael Mittelstaedt, der Chef des Landeselternbeirats. Das sei „keine Stimmungsmache“.

Welche Bedenken hat der Datenschutzbeauftragte?

In einer 39-seitigen Bewertung hat Brink schon Anfang Juli seine Bedenken gegen die Nutzung von Microsoft formuliert. „Insbesondere können Abflüsse von personenbezogenen Daten an den Anbieter Microsoft zu dessen eigenen Zwecken nicht vollständig unterbunden werden“, schreibt er seinem Bericht. Zudem fehle die „erforderliche vollumfängliche Übersicht aller vorgesehenen Verarbeitungen“. Die vom Ministerium eingeschaltete Wirtschaftsprüfgesellschaft PricewaterhouseCoopers erkennt dagegen „keine Risiken, die ein Absehen von der beabsichtigten Datenverarbeitung notwendig machen“.

Wo liegen die politischen Interessen?

Eisenmann braucht nach dem Desaster mit der 2019 gescheiterten Bildungsplattform „ella“ einen Erfolg. Sie will möglichst viele Bausteine des Folgeprojekts noch vor der Landtagswahl im März 2021 einführen. Bei Microsoft kann sie sicher sein, dass die Programme und die Cloud auch bei mehr als 1,5 Millionen Nutzern funktionieren. Auch der Rechnungshof rät zu solchen bewährten Lösungen. Die Opposition würde diesen Erfolg der CDU-Spitzenkandidatin ebenso gerne verhindern. „Ich erwarte von der Ministerin, dass sie eine handwerklich saubere Arbeit abliefert“, legt SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei die Latte hoch. Das Land dürfe „jetzt nicht in ein Abenteuer einsteigen, welches später mit großen Kosten wieder korrigiert werden muss“.

Gibt es keine geeigneten heimische Anbieter?

Immer wieder verweisen die Microsoft-Kritiker auf heimische Speicherlösungen, etwa von der in Stuttgart ansässigen Nextcloud GmbH. Doch dem Vernehmen nach hat sich die Firma auf die Ausschreibung gar nicht gemeldet. In Bayern soll ihr Angebot für die Cloud viermal teurer gewesen sein als die günstigste Lösung. Eisenmann setzt vor diesem Hintergrund auf Microsoft, deren Lösung aber angepasst werde: „Die Rückmeldung des Datenschutzbeauftragten wird für uns handlungsleitend sein.“

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