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Porträt Hannelore Kraus lehnte vor 30 Jahren den Bau des höchsten Wolkenkratzers Europas ab und verzichtete auf Millionen

Allein gegen alle

Frankfurt/Mannheim. .Ihre kleine Pension „Aller“ , mitten im Frankfurter Gutleutviertel, betreibt sie immer noch. Hannelore Kraus sitzt im idyllischen Hof vor dem Gründerzeit-Haus. Zwar habe sie gesundheitliche Einschränkungen, sagt Kraus, die am Freitag ihren 80. Geburtstag feiert. Aber dennoch: „Mir fehlt es an nichts, ich habe alles gehabt.“ Und in der Tat: Kraus’ Geschichte klingt nach einem bewegten Leben.

Vor 30 Jahren wurde Hannelore Kraus berühmt, als sie sich gegen den Bau des bis dahin größten Hochhauses Europas stellte und wohl auf mehrere Millionen D-Mark verzichtete. Noch bevor der Begriff Gentrifizierung bekannt wurde, kämpfte Kraus gegen die Veränderung und Verdrängung in ihrer Nachbarschaft. „Mir war klar, dass das Viertel in die Knie gegangen wäre.“ Gerade neulich hätten sich Nachbarn wieder bedankt für ihren Einsatz damals.

Wer einen Eindruck von damals bekommen möchte, wird auf der Internet-Plattform YouTube fündig. Ein Video zeigt eine bereits grauhaarige Frau Kraus, die 1989 in der ZDF-Show „Na siehste!“ bei Günther Jauch sitzt. Kraus gibt sich ruhig und resolut, klar und kämpferisch: „Sie müssen in ihrem Leben immer unterscheiden, was in ihrem Privatinteresse liegt und was sie für eine größere Allgemeinheit für richtig und sinnvoll halten“, sagt sie in der Sendung. Leider würden diese Dinge zu oft verwechselt. Ihr gegenüber sitzt ein Vertreter der Investoren-Gruppe Fay & Ernst, die bereit ist, Hannelore Kraus viel Geld zu zahlen: Er hoffe „eigentlich stündlich“ auf ihre Unterschrift, entgegnet dieser.

Ein einmaliger Fall

„Der Fall war sicher einmalig für die Hochhausentwicklung in Frankfurt“, sagt heute der Sprecher des Planungsdezernats der Stadt. Was war passiert? Kurz zuvor hatte der Frankfurter CDU-Magistrat die Teilbaugenehmigung für das Mammut-Projekt „Campanile“ erteilt: Der 265 Meter (mit Antenne 300 Meter) hohe Wolkenkratzer auf der Südseite des Hauptbahnhofs sollte zum neuen Wahrzeichen der Stadt werden. Anwohner-Initiativen hatten jahrelang dagegen gekämpft.

Einen Haken hatte die Genehmigung allerdings: Sie benötigte die Zustimmung der betroffenen Nachbarn. Alle gaben ihre Zustimmung, außer Hannelore Kraus. Der Bau, so diktierte sie später immer wieder Reportern in Blöcke und Mikrofone, sei „überdimensioniert“, „verkehrstechnisch eine Katastrophe“ und „klimatisch bedenklich“.

Doch der Bauträger ließ nicht locker. Nachdem selbst positive baurechtliche Gutachten ihr Widerspruchsrecht nicht erschüttern konnten, winkten die Investoren mit Geld. Zunächst seien ihr drei Millionen, später acht Millionen D-Mark geboten worden, behauptet Kraus.

Aus Mannheim meldet sich derweil Andreas Fay von der heutigen Firma Fay: Im Endeffekt habe die Stadt Frankfurt den Campanile verhindert, indem die Bearbeitung durch die Planungs- und Bauverwaltung eingestellt wurde. Er sagt: Unter gewissen Voraussetzungen hätte man auch ohne Zustimmung von Frau Kraus bauen können. „Dazu wäre eine geringfügige Änderung des Bebauungsplanentwurfs erforderlich gewesen.“ Die Legende, dass Frau Kraus den Bau verhindert habe, habe sie selbst, interessierte Kreise und der neue rot-grüne Magistrat gebildet, behauptet Fay. „Letzterer um die Stadt keinen Schadensersatzansprüchen auszusetzen.“ Auch seien die gebotenen Millionensummen seiner Erinnerung nach niedriger gewesen.

Tatsache ist, dass der Turm nie gebaut wurde. Auf dem Gelände ist jetzt ein Busbahnhof. Teuer war das Ganze dennoch: Laut Fay hat die Projektentwicklung demnach etwa zehn Jahr in Anspruch genommen und 40 Millionen D-Mark gekostet.

„Geld ist kein Argument“

Kraus, das merkt man, hat Freude an der Begegnung mit Menschen, an Diskussionen und Austausch. Sie redet ohne Punkt und Komma, zitiert immer wieder Dichter und Denker und setzt sich ein für ihre Ideale. Persönlich habe sie vor nichts Angst, auch nicht vor dem Alter, Krankheiten oder dem Tod.

Vor 30 Jahren, als sie die Millionen ablehnte, hatten manche Kraus für verrückt erklärt, andere bewunderten ihre von Humanismus geprägten Lebensideale. „Geld ist kein Argument“, sagt Kraus heute. Und gut gemeinte Ratschläge, dass sich mit den Millionen ein angenehmes Leben führen ließe, haben sie schon damals nicht beeindruckt: „Das Leben ist ein Hürdenlauf. Mit Geld kann man sicher auch daran vorbeilaufen. Aber dann haben Sie am Leben nicht teilgenommen“, meint die Jubilarin.