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Energiewende Neue Stromtrassen sollen auch durch Hessen laufen / Bürgerinitiative befürchtet gesundheitliche Probleme

Altmaier wirbt für Akzeptanz

Archivartikel

Wiesbaden.Der Ausstieg aus Atom- und Kohlekraftwerken hat zur Folge, dass viel mehr Strom aus erneuerbarer Energie vom Norden in den Süden Deutschlands transportiert werden muss. Dafür sind neue Trassen nötig, die zum Teil auch durch Hessen verlaufen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und sein hessischer Amtskollege Tarek Al-Wazir (Grüne) haben sich gestern gemeinsam ein Bild von der Planung gemacht, die bei den Anwohnern nicht nur Freude auslöst. Die beiden auch für Energie zuständigen Minister kündigten in Wiesbaden an, für die endgültige Trassenverlegung so weit wie möglich noch Wünsche aufzugreifen. Klar ist aber auch: Das Ganze muss zu einem vertretbaren Kostenaufwand und in angemessener Zeit realisierbar sein. Bis zum Sommer will Altmaier weitgehend Klarheit über den genauen Verlauf der Trassen haben, wie er gestern betonte. Zuvor soll es noch einmal ein Gespräch in großer Runde mit allen beteiligten Ländern geben.

340 Kilometer lange Strecke

Im Mittelpunkt des Streits steht in Hessen „Ultranet“, eine neue Trasse für Gleichstrom, die auf schon bestehende Masten für Wechselstrom aufgesetzt wird. Altmaier und Al-Wazir heben als großen Vorteil hervor: Dafür ist kein Bau einer neuen Stromtrasse mit allen damit verbundenen Umweltbelastungen nötig.

Dennoch befürchtet etwa eine Bürgerinitiative in Niedernhausen gesundheitliche Probleme, etwa durch dabei entstehende Ionen, also elektrisch geladene Teilchen, oder auch Lärm. Altmaier will den Anwohnern die Sorge nehmen und verspricht eine umfassende Einbindung des Bundesamts für Strahlenschutz in die Planung. Mit dem Grünen Al-Wazir ist sich der CDU-Politiker aber einig: „Die Energiewende muss gelingen.“ Nach der Abschaltung der Atomkraftwerke und dem Ende der die Luft belastenden Kohlekraftwerke halten es beide für unerlässlich, zum Beispiel mehr Windenergie von Küstenländern wie etwa Mecklenburg-Vorpommern in die Mitte und den Süden Deutschlands zu bringen. Vor allem wegen der dichten Industrieansiedlung könne in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern nicht genug Strom aus erneuerbarer Energie produziert werden, um eine umfassende Versorgung sicherzustellen.

„Ultranet“ soll Gleichstrom auf einer 340 Kilometer langen Strecke von Overath in Nordrhein-Westfalen nach Philippsburg in Baden-Württemberg transportieren. Nach der bisherigen Planung werden davon in Hessen unter anderem Niedernhausen, Eppstein, Hochheim, Groß-Gerau, Riedstadt, Pfungstadt, Bürstadt und Biblis tangiert. Al-Wazir hat sich zum Ziel gesetzt, dabei „die Bürger mitzunehmen“, und will sich dafür einsetzen, die Stromtrasse – wo immer möglich – von der Wohnbebauung abzurücken.

Altmaier lobt den grünen Gesprächspartner: „Wir wollen beide den Erfolg der Energiewende.“ Schließlich soll der Anteil der Erneuerbaren bis zum Jahr 2030 in Deutschland auf 65 Prozent steigen, so hat es die große Koalition vereinbart. Der CDU-Politiker betont, das sogenannte Netzausbau-Beschleunigungsgesetz bedeute keinen Abbau der Bürgerbeteiligung. Es solle aber sicherstellen, dass schon rechtsgültig genehmigte Trassenteile gebaut werden können, bevor auch der letzte Streckenabschnitt juristisch unter Dach und Fach ist.