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Gericht Heute 72-Jährige soll vor 31 Jahren Kind mit Leinensack erstickt haben / Ermittler gingen einst von Unglücksfall aus

Angeklagte schweigt zum Prozessauftakt

Archivartikel

Hanau.Das Medieninteresse zum Auftakt im Hanauer Mordprozess um den Tod eines Kindes quittiert die Angeklagte mit Gelassenheit. Ruhig und selbstsicher präsentiert sich die 72-Jährige, als sie am Dienstag den Saal im Landgericht betritt. Während viele ihr Gesicht vor Kameras hinter Aktenordnern verbergen, zeigt sie ihr Gesicht.

Der Fall liegt bereits 31 Jahre zurück. Die mutmaßliche Sektenchefin soll einen Vierjährigen am 17. August 1988 in einem über dem Kopf zusammengebundenen Leinensack eingeschnürt, im Badezimmer ihres Wohnhauses abgelegt und seinem Schicksal überlassen haben. Sie soll ihn als „von den Dunklen besessen“ angesehen und beschlossen haben, ihn zu töten. Sie habe ihn als „Reinkarnation“ Hitlers bezeichnet. Die Staatsanwaltschaft sieht das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt und auch niedrige Beweggründe.

Laut Zeugen hatten die Eltern das Kind der Frau zur Beaufsichtigung gegeben. Die Mutter sagte am Dienstag: „Wir wussten unser Kind dort gut aufgehoben.“ Sie richtete keine Vorwürfe an die Angeklagte. „Ich habe sie immer bewundert für ihren geduldigen Umgang mit den Kindern. Sie hatte alle Kinder lieb.“

Die Angeklagte äußerte sich nicht. Ihre Anwälte verlasen eine Erklärung und wiesen den Vorwurf zurück. Der Tatablauf sei „reine Spekulation“. Unklar sei auch die genaue Todesursache.

Eine Obduktion wurde nicht vorgenommen. Ermittler gingen davon aus, dass er an erbrochenem Haferbrei, den es zum Mittagessen gab, erstickt sei: keine Fremdeinwirkung.

Dies bestätigte am Dienstag auch ein heute 75 Jahre alter, ehemaliger Kriminalhauptkommissar, der aber Erinnerungslücken offenbarte. Die Beamten hielten eine andere Version fest. So sei der Junge nach einem Mittagsschlaf auf einer Matratze im Kinderzimmer gefunden worden. „Wir hatten keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden.“

Aufgerollt wurde der Fall 2015 durch Aussagen von ehemaligen Mitgliedern der Sekte. Welche Charakteristik die haben soll, wurde zum Auftakt kaum thematisiert. lhe