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Gießen Erstaufnahmeeinrichtung schließt nach mehr als 60 Jahren – Regierungspräsidium nutzt künftig den Standort

Anlaufstelle für Flüchtlinge macht dicht

Archivartikel

Gießen.Der „Sehnsuchtsort“ Zehntausender Menschen liegt hinter dem Bahnhof gleich links. Anfangs sind es Baracken, später nüchterne Wohnblöcke, die sie dort auf der Suche nach einem freien und sicheren Leben ansteuern. Nach mehr als 70 Jahren geschriebener deutscher Migrationsgeschichte schließt am Sonntag Hessens Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge an ihrem historischen Standort am Meisenbornweg in Gießen. Etwa eine Million Menschen haben diese seit 1946 als „Hoffnungspunkt“ durchlaufen, wie der Gießener Regierungspräsident Christoph Ullrich (CDU) berichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Heimatvertriebene her, später DDR-Bürger und Anfang der 1990er-Jahre Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien.

Zuletzt war die Unterkunft in der Nähe des Gießener Bahnhofs ein Schauplatz der sich im Jahr 2015 zuspitzenden Flüchtlingskrise. „Das war die Zeit, in der der Meisenbornweg schlicht und ergreifend an allen Ecken voll war. Die Mitarbeiter haben rund um die Uhr gearbeitet, um die Menschen alle unterzubekommen“, erzählt Ullrich.

Damals sei auch viel improvisiert worden: „Wir haben zum Beispiel einen Unterstand aus Bauzäunen, Paletten, Planen und Heizgebläsen gebaut, damit die Menschen, die nachts ankamen, im Warmen und Trockenen warten konnten. Das sah hässlich aus, hat aber innerhalb kürzester Zeit funktioniert.“ Er sei immer noch stolz darauf, was in Hessen geleistet wurde.

Im Lauf ihrer Geschichte erhielt die Gießener Einrichtung neue Namen und Aufgaben, denn der Kreis der Schutzsuchenden veränderte sich mit den Krisen der Welt. So wurde aus der Barackenunterkunft im Jahr 1947 das Regierungsdurchgangslager des Landes Hessen und 1949 das Zonendurchgangslager der US-Zone. Später war die Einrichtung als Notaufnahmelager bekannt, dann als Zentrale Aufnahmestelle des Landes Hessen. Damit war Gießen bundesweit jahrelang zuständig für Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR. Als Tausende DDR-Bürger im Wendejahr ‘89 hier ankamen, erlangte die Stadt weltweite Bekanntheit.

Wenn jetzt die Unterkunft schließt, die sich seit 1993 hessenweit um Asylsuchende kümmerte, ist schon „ein bisschen Wehmut“ dabei, sagt Standortleiter Michael Höhl. Die Landesmitarbeiter der Einrichtung bleiben aber im Dienst. Denn Gießens Geschichte als erste Anlaufstelle für Flüchtlinge geht weiter – allerdings rund fünf Kilometer entfernt an der Rödgener Straße.

Dort, am anderen Ende der Stadt, gibt es seit 2012 eine größere Erstaufnahme-Unterkunft. Dazu gehört das Ankunftszentrum, das Hessen als Reaktion auf die Flüchtlingskrise eingerichtet hat. Gebündelt werden dort seit 2016 alle Schritte für die Erstaufnahme abgewickelt, inklusive Gesundheitscheck und Kontaktmöglichkeiten zur Arbeitsagentur. Den alten Standort will das Regierungspräsidium nutzen.