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Oberstufenreform Schüler können sich wieder stärker spezialisieren / Künftig drei schriftliche und zwei mündliche Abiturprüfungen

Applaus, Applaus - nur die Mannheimer Eltern klagen

Stuttgart/Mannheim.Die grün-schwarze Landesregierung erntet viel Zustimmung für die geplante Reform der gymnasialen Oberstufe und der Abiturprüfung. "Die vorgesehenen Schwerpunktbildungen durch drei fünfstündige Fächer erhöhen nicht nur die Vergleichbarkeit mit anderen Bundesländern, sondern kommen auch den Interessen der Schüler und Lehrer entgegen", lobte Doro Moritz, die Landeschefin der Lehrergewerkschaft GEW. Gestern hat der Ministerrat das Konzept von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) auf den Weg gebracht. Die geplanten Neuregelungen gelten erstmals für Schüler, die im Jahr 2019 in die Kursstufe eintreten.

Naturwissenschaften gestärkt

Mit der Reform, über die diese Zeitung bereits vorab berichtet hatte, sollen die bisher fünf Kernfächer durch drei fünfstündige Leistungskurse ersetzt werden. Für diese sind im Abitur schriftliche Prüfungen Pflicht. Hinzu kommen zwei mündliche Prüfungen statt bisher einer. Werden Deutsch oder Mathematik nicht als Leistungsfach gewählt, sind beide als dreistündige Basisfächer mit mündlicher Prüfung im Abitur vorgeschrieben.

"Mit der Neuausrichtung wollen wir die Abiturienten besser auf ein Studium oder eine berufliche Ausbildung vorbereiten", erklärte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Die naturwissenschaftlichen Fächer würden durch die Gleichstellung mit Deutsch, Mathematik und Fremdsprache gestärkt. Gleichzeitig könnten die Schüler individuelle Schwerpunkte nach Begabung und Interesse setzen. Eisenmann wies darauf hin, dass Baden-Württemberg mit der Reform Vorgaben der Kultusministerkonferenz aller Länder umsetze. Ab 2019 sind nur noch höchstens vier Fächer mit einem erhöhten Anforderungsprofil erlaubt. Das Abitur werde vergleichbarer.

Der Arbeitgeberverband Baden-Württemberg begrüßte die Reform als "Maßnahme zur Verbesserung der Schulqualität". Von der größeren Wahlfreiheit verspricht sich Verbandsgeschäftsführer Stefan Küpper einen "wichtigen Beitrag zur Verringerung von Studienabbrüchen".

Sogar von der Opposition im Landtag kam weitgehend Zustimmung. SPD-Oppositionschef Andreas Stoch sieht die Reform als ersten Schritt zur Weiterentwicklung des Gymnasiums. Qualitätssteigerung sei ein Prozess, der aber bereits in Klasse 5 beginnen müsse. Eisenmann müsse nun Vorschläge zur Verbesserung der Lehrerausbildung und zur Veränderung der Lernkultur an den Gymnasien machen. FDP-Bildungsexperte Timm Kern begrüßte das Konzept, das eine langjährige Forderung der Liberalen nach mehr individuellen Schwerpunkten erfülle. Kern bedauerte, dass die Wahl von zwei gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wie Geschichte und Wirtschaft als Leistungsfach ausgeschlossen sei.

Gerhard Weber, geschäftsführender Schulleiter der Gymnasien in Mannheim, begrüßt die Pläne: "Die guten Schüler in den Fächern Mathe, Physik, Biologie und Chemie werden besser auf das Studium vorbereitet. Und die klassische mündliche Prüfung wertet das Abitur auf." Auch die Stadtschülersprecherin Clara Spies bewertet die Reform grundsätzlich positiv, sagt aber: "Ich finde es schade, dass die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer so in den Boden gestampft werden."

"Probleme werden übertüncht"

Eine ganz andere Meinung vertritt dagegen Matthias Mackert vom Mannheimer Gesamtelternbeirat. "Damit werden nur andere Probleme wie der akute Ressourcen- und Lehrermangel übertüncht." Die Pläne seien Augenwischerei, und die Landesregierung versuche, "mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen". Der Vorsitzende sieht vielmehr dringenden Bedarf bei der Anzahl des Lehrpersonals. Unterrichtsausfälle werde es auch weiterhin geben, deshalb werde auch eine Vertiefung der Inhalte nichts bringen, glaubt Mackert.

Erst 2004 war in Baden-Württemberg das System mit zwei weitgehend frei wählbaren Leistungskursen abgeschafft worden. Begründet hatte die damalige Kultusministerin Annette Schavan (CDU) das mit der Stärkung der Allgemeinbildung und der naturwissenschaftlichen Fächer.

Parteifreundin Eisenmann betonte: "Die Neuausrichtung ist eine sinnvolle Weiterentwicklung und kein rückwärtsgewandtes Konzept." Sie gehe davon aus, "dass wir bei der Stärkung der Naturwissenschaften erfolgreicher als Annette Schavan sein werden". Eisenmann war damals Büroleiterin von Günther Oettinger, der mit Schavan in der CDU in Baden-Württemberg um den Job des Ministerpräsidenten konkurrierte.