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Gesundheit Mobile Praxis als Maßnahme gegen Medizinermangel / Für viele Einwohner ist das Projekt nur „minimale Lösung“

Arzt bittet in seinen Bus

Archivartikel

Nentershausen/Frankfurt.Drei Zimmer, ein Labor und vier Räder –das ist der neue Arbeitsplatz von Matthias Roth. Der 47-Jährige ist Arzt und der behandelnde Allgemeinmediziner im neuen Medibus der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. Mit seiner rollenden Praxis bereist er ab sofort sechs Gemeinden in Nord- und Osthessen. „Eigentlich ist es einem Arzt untersagt, seinen Beruf im Fahren auszuüben“, sagt Roth. Doch für das zweijährige Pilotprojekt gibt es eine Ausnahmegenehmigung. Denn was Roth macht, könnte Modell für andere Regionen sein.

In Hessen fehlen Mediziner. 155 freie Hausarztsitze gibt laut der KV. Betroffen sind vor allem Gemeinden in ländlichen Regionen – wie Nentershausen, wo der Medibus gestern vorgestellt wurde. 3300 Einwohner hat die kleine Gemeinde an der Grenze zu Thüringen. Und mit zwei Allgemeinmedizinern sei sie eigentlich ausreichend versorgt, sagt Bürgermeister Ralf Hilmes (SPD). Doch im Umland gebe es zu wenig Ärzte. Die Folge: Kranke kommen nun nach Nentershausen. „Die Lage ist extrem, Patienten werden abgewiesen“, erklärt Hilmes. Dass es soweit gekommen ist, macht den Bürgermeister wütend: „Der Ärztemangel ist seit zehn Jahren bekannt“, schimpft er. Dass nun der Medibus in seiner Gemeinde steht, sei zwar eine Chance, die Situation zu verbessern. Aber klar müsse auch sein: „Der Medibus kann keinen Arzt ersetzen, der 60 bis 70 Stunden arbeitet und Hausbesuche macht.“

Das sehen manche Nentershäuser ähnlich: „Wir sind nicht begeistert“, erklären Heinrich Schöße und Doris Schmidt. Sie begutachten den neuen Medibus. Er sei die „minimale Lösung“, sagen die Einwohner. Sie hätten lieber einen weiteren niedergelassenen Arzt gehabt. Die Aussicht bei Hitze oder Regen vor dem Medibus Schlange zu stehen, sei nicht verlockend. Ob es dazu kommt, muss sich noch zeigen. An vier Tagen in der Woche fährt der Medibus sechs Gemeinden in den Landkreisen Werra-Meißner und Hersfeld-Rotenburg an, bleibt für jeweils dreieinhalb Stunden an einem Ort. 28 Stunden Sprechzeit sind es pro Woche. Je nach Andrang werde man beim Fahrplan nachsteuern, verspricht die KV.

Telemedizin an Bord

Die Hürden für einen Besuch sind niedrig: Ein Termin ist laut KV nicht nötig, jeder Patient kann kommen, der Zugang ist barrierefrei und es entstünden keine zusätzlichen Kosten. Auch technisch liege der Bus nicht hinter einer Praxis zurück: „Im Medibus können Kinder, Jugendliche, Erwachsene und auch Hochbetagte versorgt werden“, sagt Eckhard Starke, stellvertretender Vorsitzender der KV. Wie eine Praxis sei der Bus mit einem EKG und einem kleinen Labor ausgerüstet. Es gibt ein Wartezimmer, ein Sprech- und ein Behandlungszimmer sowie eine Umkleide. Eine Arzthelferin und ein Busfahrer stellen den Betrieb sicher.

Auch sämtliche Technik für Telemedizin – also die Behandlung aus der Ferne – seien an Bord. Über Internet habe der Arzt im Bus beispielsweise Zugriff auf die Diagnosen von Kollegen. Umgebaut hat den Linienbus die Deutsche Bahn-Tochter DB-Regio. Sie ist als Projektpartner an Bord und hat Erfahrung in der Materie. Das Vorgängermodell des Medibusses ist als Impfmobil der Berliner Charité unterwegs.

Finanziert wird das Pilotprojekt von der Kassenärztlichen Vereinigung. Die nennt keine konkreten Kosten. Man bewege sich aber im sechsstelligen Bereich, heißt es. Sei das Projekt erfolgreich, könne es auch in anderen Regionen Hessen helfen, Engpässe in der medizinischen Versorgung zu überwinden. Als Dauerlösung sei der Bus nicht vorgesehen.