Länder

Gesundheit Seit 25 Jahren bietet Frankfurt Süchtigen einen Platz, um legal und unter hygienischen Bedingungen Drogen zu konsumieren

„Aus der Not heraus entstanden“

Frankfurt.Erst 20 Minuten sind seit Ende der Mittagspause vergangen und schon sind fast alle Plätze in dem steril wirkenden Raum im Frankfurter Osten belegt. An fünf Tischen sitzen Drogenabhängige, um sich Heroin zu spritzen. An einem weiteren hantiert eine Frau mit einer Crack-Pfeife. Seit 25 Jahren bietet die Stadt Frankfurt Schwerstabhängigen die Möglichkeit, sich unter hygienischen Bedingungen und legal Drogen zu verabreichen. Sie wurde damit zum bundesweiten Vorreiter.

Entstanden ist das Konzept aus der Not heraus, berichtet Beatrix Baumannn von der Integrativen Drogenhilfe, die den ältesten der inzwischen insgesamt vier Räume betreibt. Sie verweist auf die große offene Drogenszene, die es Anfang der 90er Jahre in Frankfurt gab. Bis zu 1000 Abhängige versammelten sich damals täglich im Grün der Taunusanlage, Frankfurt war weithin als „Junkfurt“ verschrien.

Als Mindestalter gilt 18 Jahre

Angesichts dessen hätten sich Stadt, Polizei und Justiz zusammengetan. „Die Frage war, was kann man gegen das Drama machen, dass uns die Drogenkonsumenten quasi auf der Straße weggestorben sind“, so Baumann. Nicht nur Überdosierungen hätten sich gehäuft, auch Raubüberfälle und Vergewaltigungen.

1992 sei zunächst ein illegaler Konsumraum ohne rechtliche Grundlage eingerichtet worden. Saubere Spritzen verhinderten die Ansteckung mit Aids und Hepatitis, für den Fall von Überdosierungen wurde rasche medizinische Hilfe organisiert. 1994 entstand der Konsumraum, den es bis heute gibt.

Im selben Gebäude befinden sich Übernachtungsplätze, ein Café, eine Kleiderkammer und Arbeitsmöglichkeiten. Der „Zugang zu weitergehenden Hilfen“ ist Bestandteil des „Frankfurter Wegs“, für den sich Stadt, Polizei und Justiz Anfang der 90er Jahre entschieden haben. Den Abhängigen soll geholfen werden, der polizeiliche Verfolgungsdruck sich gegen die Dealer und ihre Hintermänner richten.

Zunächst werde das Überleben der Betroffenen gesichert, dann folge ihre Stabilisierung. „Viele schaffen das auch, doch es gibt auch Menschen, die werden in ihrem Leben nicht mehr aufhören, Drogen zu konsumieren“, sagt Baumann. „Jeder von ihnen hofft eigentlich auf ein anderes Leben.“ Ein Drittel, schätze sie, finde den Weg aus der Sucht.

Im offiziell auch „Gesundheitsraum“ genannten Ort gelten strenge Regeln: Dealen ist verboten ebenso Autofahren nach dem Heroin-Schuss. Es gilt das Mindestalter von 18 Jahren, Erstkonsumenten müssen draußen bleiben. Beim Betreten des Raums müssen die Abhängigen am Tresen ihre Drogen vorzeigen, sich im Computer registrieren lassen und erhalten dann sterile Nadeln, Spritzen und Tupfer.

Die Zahl der Drogentoten in der Stadt sank seit 1991, als ein Höchststand von 147 registriert worden war, auf 22 im vergangenen Jahr. Andere Städte kopierten das Modell, darunter Hamburg und Berlin.

Doch nach wie vor gibt es Kritik am „Frankfurter Weg“ – derzeit vor allem von Geschäftsleuten, Anwohnern und Passanten im Bahnhofsviertel, die sich über Ansammlungen von Junkies und Dealern vor den Konsumräumen beschweren und sich über Müll, Urin und Exkremente auf dem Bürgersteig ärgern.

Unter Experten ist das Vorgehen unumstritten, wie der Soziologe Bernd Werse sagt. Der Frankfurter Wissenschaftler verweist unter anderem auf die stark gesunkene Zahl an Drogentoten. Eine Alternative existiere nicht. „Ein repressives Vorgehen dagegen wie etwa in Bayern, wo man sehr darum bemüht ist, dass die Drogenszenen wenig sichtbar sind in den Städten, lässt die Gefahr von Überdosierungen und damit die Zahl der Drogentoten ansteigen. Weniger Drogen werden deshalb nicht konsumiert.“ Doch auch außerhalb der Maßnahmen des Frankfurter Wegs gebe es viel zu tun. Werse gehört einer Gruppe von Experten an, dem Schildower Kreis, der für die Straffreiheit geringer Mengen jeglicher Drogen als ersten Schritt plädiert, um Polizei, Justiz und die Betroffenen zu entlasten. dpa