Länder

Geschichte Historiker der Evangelischen Landeskirche Württemberg haben alte Geschichten entdeckt – die in der Pandemie plötzlich wieder aktuell sind

Aus Kirchenbüchern den Umgang mit Corona lernen

Archivartikel

Stuttgart.Seuchen sind lästige Begleiter der Menschheit, das war schon vor dem Corona-Virus so. Ein Blick in alte Kirchenbücher zeigt erstaunliche Parallelen zu den Herausforderungen, in denen Gesellschaften im Jahr 2020 stehen. Schulen schließen wegen der Infektionsgefahr? Einen neuen Impfstoff ausprobieren? Alles schon mal da gewesen.

Im Sommer 1801 grassieren in Belsenberg bei Künzelsau die Blattern (Pocken). Einen Impfstoff gibt es schon, er ist allerdings kaum verbreitet. Beherzt ergreift der evangelische Pfarrer Christian Friedrich Wolff die Initiative: Er lässt seine Zwillingskinder gegen die Kuhpocken impfen.

Das Beispiel macht Schule. Wolff zählt im Kirchenbuch später insgesamt 53 „Vaccinirte“ (Geimpfte) in seinem Dorf und den Nachbarorten. Kein einziger von ihnen sei dann angesteckt worden, obwohl sie viel Umgang mit Pockenkranken gepflegt hätten und einer sogar bei einem Kranken schlief.

Menschen wie dieser evangelische Pfarrer haben die Impfbereitschaft offenbar beflügelt. Während Ende des 18. Jahrhunderts noch bis zu zehn Prozent aller Kleinkinder den Blattern erlagen, ließ sich diese Seuche dank einer konsequenten Impfpolitik ausrotten. In Deutschland gab es 1972 den letzten belegten Pockenfall, seit 1980 gilt der ganze Globus als pockenfrei.

Ausgegraben haben die Geschichte des risikobereiten Pfarrers Historiker der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Seit Februar des vergangenen Jahres betreiben sie einen Blog, der Perlen aus Archiven und Kirchenbüchern präsentiert: Trauriges, Fröhliches, Erschreckendes, Skurriles.

So führten die Maul- und Klauenseuche und die Kinderlähmung dazu, dass im Zweiten Weltkrieg und danach kurzzeitig Gottesdienste verboten, Schulen und Kindergärten geschlossen und Reisen eingeschränkt wurden. In Leonberg bei Stuttgart gab es etwa 1941 wegen der grassierenden Kinderlähmung ein Gottesdienstverbot. Die Kinos blieben dagegen offen – weil man sie vor wirtschaftlichem Schaden behüten wollte.

Intersexualität im 17. Jahrhundert

Die alten württembergischen Dokumente haben aber viel mehr zu bieten als den Umgang mit Epidemien. So dokumentiert ein Pfarrer in Peterzell bei Freudenstadt für den 3. April 1653 einen Fall von Intersexualität. Das Kind von Michel und Margretha Eppting wird auf den Namen Anna getauft. Man habe jedoch etliche Tage nach der Taufe mehr männliche als weibliche Geschlechtsmerkmale gefunden und dem Kind dann den Namen Hans Jacob gegeben, heißt es im Register. 

Zum Thema