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Katholische Kirche Zweiter Zwischenbericht zu sexueller Gewalt im Bistum Mainz weist auf systematische Verschleierung hin

Ausmaß größer als gedacht

Archivartikel

Mainz.Das Ausmaß sexueller Gewalt im Bistum Mainz ist laut einer Studie weitaus größer als bislang gedacht. Nach persönlichen Kontakten und intensiver Aktenprüfung geht der mit der Untersuchung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber „Stand heute von 273 Beschuldigten und 422 Betroffenen aus“. Diese in einem am Mittwoch in einem Zwischenbericht veröffentlichte Zahl ist weitaus höher als das Ergebnis der enger gefassten sogenannten MHG-Studie aus dem Jahr 2018 zur sexuellen Gewalt in der katholischen Kirche, die für das Bistum Mainz 53 Täter und 169 Opfer ermittelt hatte.

Der vom Bistum beauftragte unabhängige Rechtsanwalt aus Regensburg hob hervor, dass in der neuen Studie mit dem Titel „Erfahren.Verstehen.Vorsorgen“ der Kreis der Beschuldigten, Betroffenen und der Vorfälle weiter gefasst sei. Der Abschlussbericht der Untersuchung, die die Zeit von 1945 bis 2019 umfasst, soll voraussichtlich Anfang 2022 vorgelegt werden.

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, der seit 2017 im Amt ist, zeigte sich erschüttert: Der Zwischenbericht helfe dabei, „in einen schrecklichen Abgrund im Bistum Mainz zu blicken“. Weber und Kohlgraf riefen alle, die zur Aufklärung der Vorfälle beitragen können – insbesondere Betroffene, Angehörige, Freunde und Mitarbeiter des Bistums –, dazu auf, sich mit dem Rechtsanwalt in Verbindung zu setzen.

Während sich die Studie von 2018 auf Kleriker und deren Gewalt gegenüber Minderjährigen beschränkt habe, sei die aktuelle EVV-Studie weiter gefasst und beziehe sexualisierte Gewalt, sonstige sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen auch gegen erwachsene Männer und Frauen ein, erklärte Weber. Bei den Beschuldigten geht es neben Klerikern auch um Laien, kirchliche Angestellte oder Gruppenleiter. „Die Schilderungen sexueller Gewalt erstrecken sich von der Ausnutzung der besonderen Schutz- und Vertrauenssituation der Beichte eines Erwachsenen für verbale sexuelle Belästigung bis hin zum schweren sexuellen Missbrauch eines Vorschulkindes“, berichtete Weber.

Im Umgang mit Vorfällen sexualisierter Gewalt lasse sich ein Fehlverhalten ausmachen, erklärte Weber. In der Vergangenheit sei in der Bistumsleitung auf Meldungen oftmals nicht angemessen reagiert worden. Es habe keine funktionierenden Kontrollmechanismen gegen den weiteren Einsatz von Klerikern trotz Kenntnis früherer Taten gegeben. Eine häufige Reaktion auf Missbrauchsfälle sei einzig die Versetzung in eine andere Pfarrei gewesen. Selbst schwere Missbrauchsfälle hätten lediglich zu geringen Sanktionen seitens der Bistumsleitung geführt. Schweigegebote gegenüber Opfern, Meldern und Beschuldigten sowie „gezielte Aktenführung“ hätten zu einer systematischen Verschleierung beigetragen. Der Anwalt nannte in diesem Zusammenhang namentlich Kohlgrafs Vorgänger, die beiden Kardinäle Hermann Volk und Karl Lehmann. Aber auch in den Pfarrgemeinden seien „klare Indizien und Kenntnisse durch Mitarbeiter vor Ort negiert, bagatellisiert und/oder für sich behalten“ worden.

Kohlgraf erklärte: „Wir werden uns der Frage stellen, was solches Fehlverhalten für das Leben der Kirche bedeutet, für unsere Präventionsarbeit, aber auch für die historische Einordnung und Erinnerung an Menschen, die früher im Bistum gearbeitet und Verantwortung getragen haben.“