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Medizin Wissenschaftsministerin sieht Vertrauensverlust durch Heidelberger Bluttestaffäre / Zwischenbericht am 16. Juli

Bauer erwartet Konsequenzen

Archivartikel

Stuttgart.Der Chef des Heidelberger Universitätsklinikum, Christof Sohn, hat bei der Präsentation des Bluttests zur Diagnose von Brustkrebs einen Sachstand vorgestellt, der durch wissenschaftlichen Ergebnisse nicht gedeckt war. Das ergibt sich aus der bisher unveröffentlichten Bewertung einer internen Kommission der medizinischen Fakultät. Es hätten nur mögliche Messwerte für die Blutuntersuchung vorgelegen, der eigentliche Krebstest wäre „später noch zu entwickeln gewesen“, heißt es in dem siebenseitigen Bericht, der unserer Redaktion vorliegt. Warum diese Daten einem Laienpublikum als „erster marktfähiger Bluttest für Brustkrebs“ vorgestellt wurde, „erschließt sich der Kommission nicht“. Das Versprechen sei „nicht zutreffend“.

Am 21. Februar 2019 hatte Sohn auf einem Gynäkologenkongress in Düsseldorf den Bluttest für Brustkrebs vorgestellt. In einer gleichzeitig aufgelegten Werbekampagne war von einer „Weltsensation“ die Rede. Schon wenige Tage nach dem vermeintlichen „Durchbruch“ stellte sich der Test als untauglich heraus.

Dies weisen die Experten im Detail nach. Die Entwicklung eines Tests zur Diagnose einer Krankheit laufe typischerweise in sieben Phasen ab, die fünf bis zehn oder mehr Jahre dauern. Die Aktivitäten der für die Vermarktung gegründete „Hei-Screen“ würden sich noch in den ersten beiden Phasen bewegen. Aus heutiger Sicht lasse sich nicht abschätzen, ob am Ende ein Produkt steht, für das es einen medizinischen Bedarf gebe. Fazit: „Es muss festgestellt werden, dass der in der Pressemitteilung erwähnte, marktfähige Bluttest’ bisher nicht existiert, sondern allenfalls noch entwickelt und getestet werden müsste.“

Anhörung im Landtag

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) rechnet nach dem Skandal mit Konsequenzen. Dies erklärte sie am Mittwoch in einer Anhörung des Wissenschaftsausschusses im baden-württembergischen Landtag. Ohne Sohn namentlich zu erwähnen, beklagte sie den Vertrauensverlust für die Wissenschaft, „wenn ein Professor und Klinikleiter vor der Presse einen Krebstest als marktreif ankündigt und damit mehr verspricht, als er halten kann“. Da spiele ein Wissenschaftler mit den Gefühlen der betroffenen Frauen. „Es ist Schaden entstanden“, räumte die Ministerin ein.

Bauer kündigte einen Zwischenbericht der unabhängigen Expertenkommission zum Bluttest-Skandal für die Aufsichtsratssitzung am 16. Juli an. Die Ministerin forderte eine schnelle Aufarbeitung: „Ich wünsche mir, dass es noch ein bisschen schneller geht.“ Für die Universität Heidelberg steht viel auf dem Spiel. Denn am 19. Juli entscheiden die Wissenschaftsminister über die künftige Förderung der deutschen Eliteuniversitäten. Heidelberg war in den ersten beiden Runden dabei. Ob der Skandal sich negativ auf die Chancen für eine weitere Finanzierungsperiode auswirkt, ist unklar.

Nach der Anhörung im Ausschuss wies der FDP-Abgeordnete Nico Weinmann auf die Risiken der gegenwärtigen Situation hin: Derzeit werde die wissenschaftliche Arbeit der HeiScreen aus Drittmitteln der Uniklinik bezahlt. „Was passiert, wenn die Entwicklung zu keinem Erfolg führt?“, fragt der FDP-Mann. Die Abgeordnete Marion Gentges vom Koalitionspartner CDU zeigte Verständnis, dass Bauer den Kommissionsbericht abwarten will. Bei den bisherigen Auskünften des Ministeriums fehlen ihr viele Einzelheiten: „Ich hätte mir mehr Text gewünscht.“ Überrascht zeigte sie sich über Bauers „deutliche Kritik am Leiter der Frauenklinik“.