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Interview Baden-württembergischer Antisemitismusbeauftragter Michael Blume fordert Meldepflicht bei Mobbing von jüdischen Schülern

„Bedrohungen meist im Netz“

Archivartikel

Stuttgart.Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume fordert eine Meldepflicht für Fälle, wenn jüdische Schüler gemobbt werden. „Es darf kein Problem sein, wenn sich jemand meldet, sondern muss eine Pflicht sein“, fordert er im Interview.

Herr Blume, die Kriminalstatistik weist seit 2014 einen Rückgang der antisemitischen Straftaten aus. Warum braucht es dann einen Antisemitismusbeauftragten?

Michael Blume: Die Krimimalstatistik erfasst die Fälle des klassischen Antisemitismus, zum Beispiel Hakenkreuzschmierereien. Wenn es aber um eine Flagge vom Islamischen Staat geht, wird das erst einmal nicht als Antisemitismus erkannt. Das zweite große Thema ist das Internet. Die allermeisten Beschimpfungen, Bedrohungen und Übergriffe erfolgen inzwischen dort. Das taucht in der Statistik des Landes noch kaum auf, betrifft aber die Menschen ganz konkret. Mobbing in den Schulen ist nicht gleich strafbar, kann aber das Leben von jungen Menschen brutal beeinträchtigen. Wir müssen die Kriminalstatistik erneuern, weil das, was sie abbildet, und das, was die Menschen erleben, weit auseinanderfällt. Das ist also gerade ein gutes Beispiel, warum es einen Beauftragten gegen Antisemitismus braucht.

Gibt es einen Überblick über antisemitische Ausfälle im Internet?

Blume: Es gibt eine erste Studie aus Hessen zu Antisemitismus bei Facebook. Wie genau man hinschauen muss, zeigt zum Beispiel der Song „Apocalypse“ des Rappers Kollegah. Das große Thema ist da nicht die Zeile über die Auschwitz-Überlebenden. Wichtiger ist, dass der Musiker über Youtube Millionen jungen Leuten eine jüdisch-freimaurerische-satanistische Weltverschwörung nahebringt. Dass das niemand bemerkt hatte, zeigt, was alles unter dem Radar bleibt. Forscher gehen davon aus, dass solche Verschwörungsmythen früher am Stammtisch verbreitet wurden. Jetzt heizen sich die Leute im Internet die Leute auf.

Was können Sie auf Landesebene tun?

Blume: Schulen, Polizei, Integration, Jugend und Soziales – das sind alles Landesthemen! Wir hoffen deshalb, dass nach Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz weitere Länder Beauftragte ernennen. Wir wollen uns in Baden-Württemberg zunächst auf die Fortbildung von Lehrern und anderen Beamten konzentrieren sowie auf die Frage, was wir gegen den Hass im Internet tun können.

Können Sie da schon konkreter werden?

Blume: Gerade heute Morgen hatten wir ein Gespräch mit dem Direktor der Gedenkstätte Yad Vashem und Staatsminister Klaus-Peter Murawski. Wir wollen beim Konzept für die Lehrerfortbildung zusammenarbeiten und schauen, was von deren Materialien wir nutzen können. Viele Lehrer beklagen, dass sie auf den Umgang mit gemischten Klassen, in denen Kinder mit und ohne Migrationshintergrund sitzen, Muslime, Christen und Nichtreligiöse, gar nicht vorbereitet sind. Lehrer und andere Beamte müssen auf die antisemitischen Verschwörungsmythen und den Umgang damit vorbereitet werden. Fast jeder Landkreis hat inzwischen mit Reichsbürgern zu tun, die die Existenz des deutschen Staates als Verschwörung bestreiten. Wir reden also nicht nur über etwa 9000 jüdische Menschen in Baden-Württemberg, sondern über den Staat an sich.

Gibt es auch in Baden-Württemberg Mobbing jüdischer Schüler?

Blume: Bisher sind nur Einzelfälle bekannt. Aber ich schlucke schon, wenn ich höre, dass viele Kinder nicht wollen, dass ihr jüdischer Glaube an der Schule oder im Sportverein bekannt wird. Diese Angst hätte ich nicht erwartet. Das Problem ist viel weiter verbreitet, als wir gedacht haben. Unter 800 Schülern gibt es halt immer ein paar Halbstarke, und die haben das Internet. Diese Themen gelten bisher als so heiß, dass man sie auch im Unterricht eher gemieden hat. Der Klassiker ist der Schulleiter, der nicht die Polizei ruft, sondern versucht, den Deckel draufzuhalten, damit die Schule nicht in schlechtem Licht erscheint. Es darf für niemand ein Problem sein, Hilfe zu rufen.

Das erinnert an den Umgang mit der Gewalt an den Schulen. Könnte eine Meldepflicht helfen?

Blume: Exakt. Bisher muss der Schulleiter Angst haben, der Probleme öffentlich macht. Er muss sich vielleicht sogar dafür rechtfertigen. Wir brauchen eine klare Meldepflicht für Fälle von schwerem Mobbing und Gewalt. Es darf kein Problem sein, wenn sich jemand meldet, sondern muss eine Pflicht sein. Nur mit einem eindeutigen Lagebild sehen wir, wo man nachsteuern muss.

Von wie viel Fällen wissen Sie?

Blume: Jüdische Gemeinden haben zuletzt zwei Fälle von antisemitischem Mobbing an Schulen vorgetragen. Da haben sich die Schulleitungen unheimlich schwer getan. In einem Fall hat sogar das Mobbing-Opfer die Schule gewechselt und nicht der Täter. Wir wollen auf keinen Fall, dass die Angegriffenen vertrieben werden.

Können Sich Juden in Baden-Württemberg sicher fühlen?

Blume: Das Gefühl von Bedrohung hat zugenommen. Es sind ja auch Sachen passiert, etwa die Zerstörung des Chanukkaleuchters in Heilbronn oder ganz schlimm der Angriff auf die Ulmer Synagoge mit einem Rammbock. Das spricht sich rum. Dazu kommen die Bedrohungen im Internet.

Wie viel Antisemitismus haben die Zuwanderer mit muslimischen Glauben mitgebracht?

Blume: Ich habe das schon im Irak erlebt. Dort gibt es keine Juden mehr. Aber der Antisemitismus ist trotzdem da. Die Kinder lernen das in der Schule, obwohl sie noch nie einem Juden begegnet sind. Es gibt starken Antisemitismus unter Arabern, Türken und auch Osteuropäern, weniger unter Kurden und Bosniaken.

Auch in Deutschland werden wieder Israelfahnen verbrannt. Treffen sich da die links-autonome und die muslimische Szene?

Blume: Absolut. Was den Antisemitismus so gefährlich macht, ist die Kombination aus Rassismus und Verschwörungsglauben. Antisemiten glauben, dass eine böse, jüdisch-zionistische Macht die Welt kontrolliert. Den Verschwörungsglauben gibt es in rechtsextremer und in linksextremer Form, aber auch in religiöser Ausprägung. Letztlich sind sich die unterschiedlichen Gruppen sehr, sehr einig und bilden Allianzen. Es ist immer wieder erschreckend, wer sich da mit wem zusammentut.