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Rassismus Hätte der Anschlag von Hanau verhindert werden können? Studien belegen, dass Täter im Vorfeld Andeutungen machen / Gießener Kriminologin appelliert

„Behörden müssen teilweise wacher sein“

Archivartikel

Gießen/Hanau.Einen Monat nach dem rassistischen Anschlag in Hanau steht weiterhin die Frage im Raum, ob man die Gefährlichkeit des Schützen hätte bemerken können. „Man kann versuchen, diese Täter im Vorfeld zu erkennen“, sagte die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg der Deutschen Presse-Agentur. Sie forscht zu Amoktätern und terroristischen Einzeltätern. „Wir wissen aus der Forschung, dass sie im Vorfeld ihrer Taten monatelang Andeutungen machen.“

Bannenberg zufolge geht es dabei nicht um direkte Drohungen, diese bleiben eher unspezifisch. „Es wird sowas gesagt wie: ’Ich werde eines Tages etwas machen, das werdet ihr nie vergessen’“. Das bleibe immer ein bisschen diffus und wirke trotzdem bedrohlich.

Netzwerk als Frühwarnsystem

„Den terroristischen Einzeltäter zeichnet nicht nur eine ideologische Richtung aus, sondern auch Hass – entweder gegen die ganze Gesellschaft oder gegen bestimmte Gruppen“, sagte Kriminalwissenschaftlerin Bannenberg weiter. Den Hanauer Schützen, der neun Menschen mit ausländischen Wurzeln, seine Mutter und sich selbst erschoss, stufte sie im Kern als einen rechtsterroristischen Einzeltäter ein, „aber mit Elementen eines Amoktäters, noch dazu mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit einer paranoiden Schizophrenie“. Er zeige in seinem Pamphlet ein „extremes Wahngebilde, gleichzeitig aber einen sehr realen Rechtsextremismus“.

Auf Signale reagieren

Wichtig sei es, als Gesellschaft aufmerksam zu sein, betonte Bannenberg. An ihrem Institut an der Uni Gießen gibt es das „Beratungsnetzwerk Amokprävention“, an das sich Menschen wenden können, die befürchten, dass eine Person in ihrem Umfeld zum Täter werden könnte. Nach dem Anschlag von Hanau und der Gewalttat im nordhessischen Volkmarsen, bei dem ein Mann am Rosenmontag ein Auto in eine Menschenmenge steuerte und Dutzende verletzte, verzeichnet die Beratungsstelle mehr Anrufe.

Die Kriminologin appelliert an Polizei, Psychiatrien und Justiz, mutiger zu handeln. „Sie müssen auch teilweise wacher sein, wenn Gefahrensignale geäußert werden. Ich weiß nicht, wie viele Menschen abgewimmelt werden, wenn gesagt wird: ’Ich bin besorgt über jemanden’“. Es müsse eine spezialisierte Bedrohungsabklärung stattfinden. „Das kann Polizei eigentlich sehr gut leisten.“