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Medizin Immer mehr Ärzte in Hessen kommunizieren digital mit ihren Patienten / Telemedizin bekommt Schub durch Corona

Beratung per Bildschirm – Videosprechstunden beliebt

Archivartikel

Frankfurt/Wiesbaden.Der Weg in die Praxis, die Anmeldung, das Warten im überfüllten Wartezimmer – all das entfällt, wenn man bei Dr. Susanne Springborn einen Termin zur Videosprechstunde vereinbart hat. Stattdessen verschickt die Wiesbadener Praxis einen Link per Mail, über den sich der Patient oder die Patientin einloggen kann. Kurz darauf klingelt es auf dem Rechner oder am Smartphone – und die 51 Jahre alte Hausärztin erscheint auf dem Bildschirm.

„Die Telemedizin hat durch Corona einen enormen Schub bekommen“, sagt Springborn. Sie führt allerdings schon seit mehr als zwei Jahren Videosprechstunden durch, mit steigender Nachfrage: Waren es anfangs fünf Termine im Monat, sind es inzwischen zehn pro Woche.

Hessenweit hat sich die Zahl der Praxen, die Videochats anbieten während der Pandemie verzehnfacht. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung kletterten sie von unter 300 auf inzwischen mehr als 3000. „Die Zahlen sind steil nach oben gegangen. Klar ist, ohne Corona hätten wir diesen Anstieg nicht gehabt“, sagte Alexander Kowalski von der KV Hessen.

Natürlich habe auch die Videosprechstunde ihre Grenzen. Manche Erkrankungen wie ein grippaler Infekt oder ein Hautausschlag könnten gut über den Bildschirm diagnostiziert werden. Wenn es aber darum gehe, den Patienten abzutasten, sei die direkte Begegnung nicht zu ersetzen. Idealerweise sollten sich Arzt oder Ärztin sowie Patient oder Patientin vor einer Videosprechstunde schon persönlich kennen, meint der Experte. Dank der Technik brauche man dann nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit in die Praxis kommen.

Akzeptanz wächst stetig

Laut KV bieten inzwischen 66 Prozent der hessischen Psychotherapeuten Videositzungen an. Dort sei die Technik besonders geeignet, da es sich um eine reine Gesprächsleistung handle, so Kowalski.

Und auch in der Bevölkerung wächst die Akzeptanz: Wie eine bundesweite Umfrage der Techniker Krankenversicherung ergab, kann sich heute jeder Zweite eine Behandlung per Videochat vorstellen, im vergangenen Jahr war es noch jeder Vierte. Und von den älteren Menschen über 70 Jahren sagte fast jeder Dritte, dass er seinen Arzt auch per Video konsultieren würde (2019: 13 Prozent). Für 78 Prozent aller Befragten ist die Zeitersparnis ein wichtiger Grund, die Technik zu nutzen, da Anfahrtswege und Wartezeiten entfallen. Für 71 Prozent ist es die Angst vor einer möglichen Ansteckung.

„Videosprechstunden werden heute von den Patienten per Computer, Smartphone oder Tablet ganz selbstverständlich als Alternative zum physischen Arztbesuch in Anspruch genommen. Sie sind aber auch in Praxen zu einer wertvollen Unterstützung des Alltags geworden“, so die Leiterin der hessischen TK-Landesvertretung, Barbara Voß.

Seit 2017 dürfen Ärzte Videosprechstunden abrechnen. Für Psychotherapeuten gilt das seit 2019. Neben einer Gesprächspauschale bekommen sie weitere Zuschläge. Seit März können die digitalen Sprechstunden unbegrenzt abgerechnet werden. Die Lockerung gilt laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KVB) vorerst noch bis Ende des Jahres. Um Videosprechstunden anzubieten, müssen Praxen unter anderem nachweisen, dass sie einen zertifizierten Videodienstanbieter nutzen. Wichtig ist laut KVB vor allem ein sicherer Datenschutz.

Nachteil der Technik ist, dass manche Patienten Vorbehalte haben oder ihnen schlicht die technischen Voraussetzungen fehlen. Somit kann es sich immer nur um ein ergänzendes Angebot handeln, das nicht das Recht auf eine analoge Behandlung ersetzt, erklärt Kowalski.

In Springborns Praxis dürfen sich Patienten Tablets ausleihen, um digitale Sprechstunden auszuprobieren. „Wir haben den Anspruch, auch technikferne Menschen einzubringen“, sagt die Ärztin. lhe