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Lebenshilfe „Liebelle“ in Mainz redet mit geistig Behinderten über Sexualität / Einrichtung deutschlandweit einmalig / Finanzierung nicht gesichert

Beratung zu „doppeltem Tabu“

Mainz.Für Menschen mit einer geistigen Behinderung ist gesorgt: Familie und Sozialsystem kümmern sich um Unterkunft, Ernährung, auch um eine Arbeitsmöglichkeit. Vergessen oder verdrängt wird aber oft die Sehnsucht nach Nähe, Partnerschaft und Sexualität. „Als ich auf Ferienfreizeiten von Menschen mit einer geistigen Behinderung auf intime Themen angesprochen wurde, war ich erst peinlich berührt“, sagt Lotta Brodt. Die 32-jährige Sozialpädagogin arbeitet in der „Liebelle“, einer Beratungsstelle zu geistiger Behinderung und Sexualität, die in dieser Form nach Angaben der Darmstädter Professorin Svenja Heck deutschlandweit einmalig ist.

Bei Fragen nach der Sexualität von geistig Behinderten sei sie oft ratlos gewesen und habe das für sich selbst ändern wollen, sagt Brodt. Sie ließ sich am Institut für Sexualpädagogik in Dortmund ausbilden und hat nun zusammen mit ihrem Kollegen Lennart Seip seit dem Start der „Liebelle“ im Mai 2015 mehr als 200 Beratungstermine mit Behinderten, ihren Angehörigen oder Fachkräften erlebt.

Viele haben Gewalt erlebt

Da gibt es etwa Sven, der nach dem Ende einer Freundschaft in die „Liebelle“ kam und mit Seip sprach. „Es ging ihm sehr schlecht“, erinnert sich der 33-jährige Berater. „Er war auch körperlich angeschlagen, sehr gestresst.“ Der junge Mann berichtete, dass seine Beziehung nach mehr als einem halben Jahr gerade zu Ende gegangen sei. Eine klassische Form von Liebeskummer und Trennungsschmerz, vermutete Seip. „Aber diese Beziehung fand ausschließlich über soziale Medien statt, über das Schreiben und das Senden von Fotos.“ Dies habe ihn im Verlauf des Gesprächs überrascht, weil er die Beziehung erst anders wahrgenommen habe. „Dies zeigt, welche enge Vorstellungen und Schubladen in Bezug auf Sexualität und Partnerschaft wir haben.“

Liebe, Lust und Leidenschaft bei Menschen mit geistigen Behinderungen sind das Forschungsgebiet von Svenja Heck am Fachbereich Soziale Arbeit an der Hochschule Darmstadt. Sie sieht eine Hauptschwierigkeit im „doppelten Tabu von Sexualität und geistiger Behinderung“. Ein stimmiger Zugang dazu sei für alle Beteiligten schwierig, weil es sich um intime und sehr persönliche Fragen handle. „Zudem bewirken gesellschaftliche Prozesse, dass das Thema sehr verkürzt betrachtet wird, nur mit Blick auf genitale Sexualität, was den bedrohlichen Charakter für Angehörige und Fachkräfte verstärkt.“

Eltern oder andere Angehörige sind auch für ihre erwachsenen Kinder mit geistiger Behinderung verantwortlich und setzen daher oft die Rahmenbedingungen, ob Sexualität gelebt werden kann. „Dabei sind Eltern oft ratlos“, sagt Petra Hauschild vom Mainzer Unternehmen in.betrieb. Die gemeinnützige Gesellschaft gibt mehr als 630 Menschen mit Behinderung einen Zugang zu Bildung und Arbeit. Vor allem bei Töchtern sei die Sorge groß, dass es zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen könnte. Und Sexualität werde von den Angehörigen vielfach als „Luxusproblem“ betrachtet, um das man sich nicht auch noch kümmern könne.

„Viele Frauen haben sexualisierte Gewalt erlebt, das kommt bei Frauen mit geistiger Behinderung bis zu vier Mal häufiger vor als sonst“, sagt Brodt. Es gebe kaum eine Frau mit geistiger Behinderung, die noch nie einen Übergriff erlebt habe. Männer leiden wiederum häufig unter Zurückweisung und Diskriminierung aufgrund ihrer Behinderung, wenn sie sich in einen nichtbehinderten Menschen verlieben.

Die Beratung läuft in der Regel so ab, dass in einem Erstgespräch die Situation und das Anliegen betrachtet werden. Aus dem Feedback kann sich dann eine Beratungszusammenarbeit mit mehreren Gesprächen ergeben. „Wir bieten ein pädagogisches Angebot, kein therapeutisches“, erklärt Seip. Je nach Situation kann der nächste Schritt dann in einer Psychotherapie oder anderen praktischen Hilfen bestehen. Die „Liebelle“ ist keine Partnervermittlung, empfiehlt dafür die bestehenden Angebote der „Schatzkiste“.

Zukunft der Einrichtung offen

Obwohl es nach Angaben Hauschilds Anfragen aus ganz Deutschland gibt, bangt die „Liebelle“ um ihre Zukunft. Die 70-prozentige Finanzierung durch die Förderorganisation Aktion Mensch – den Rest trägt in.betrieb – läuft nur noch bis April. „Es wäre ein Drama, wenn wir dieses erfolgreiche Projekt beenden müssten“, sagt Hauschild.