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Gesundheit Mitarbeiter verschiedener Berufe werden geschult

Demenz: Lotsen helfen durch schweren Alltag

Limburg.Die Erlebnisse, von denen die Limburger Demenzlotsen erzählen, ähneln sich. Auch die Motivation der Helfer ist gleich: Sie wollen in ihren Geschäften ein kleiner Anker für die überwiegend älteren Menschen sein, die sich im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung kaum noch an etwas aus ihrem bisherigen Leben erinnern können. "Viele sitzen dann nur noch zu Hause", berichtet die Inhaberin eines Bekleidungsgeschäftes gestern. "Es ist aber so wichtig, dass die Leute weiter ein Teil unserer Gesellschaft sind."

Der Malteser Hilfsdienst hat das Projekte der Demenzlotsen im Jahr 2014 gestartet. Ziel der landesweit bislang einmaligen Initiative ist, Mitarbeiter in Einzelhandel, Apotheken und Gastronomie sowie bei Banken, Behörden und Verkehrsbetrieben zu schulen, damit sie besser und ohne Berührungsängste mit den Erkrankten umgehen.

"In manchen Fällen kündigt sich die Erkrankung an, wenn auf einmal die Tochter ihre Mutter bei Einkäufen begleitet", berichtet die Mitarbeiterin eines Unterwäschegeschäfts. Es gibt aber auch die Fälle, dass ehemalige Stammkunden orientierungslos und völlig unzusammenhängend sprechend in den Geschäften auftauchen. "Das Wichtigeste ist dann, geduldig und liebenswert mit ihnen zu reden."

Diesen Umgang empfiehlt auch eine Mitarbeiterin der Stadt Limburg, die ebenfalls zum Demenzlotsen geschult wurde. Als eine 75 Jahre alte Frau in die Behörde kam, um einen Kinderpass für den nächsten Urlaub zu beantragen, habe sie einfach zugehört, die Angaben aufgenommen und dann dafür gesorgt, dass die Frau wieder sicher nach Hause kommt, sagt die Sachbearbeiterin, die im Magistrat die Ansprechpartnerin in solchen Fällen ist.

Mittelweile gab es vier Schulungen bei dem Limburger Projekt, bei denen 19 Mitarbeiter aus 14 Geschäften mitmachten. "Wir konnten lange noch nicht alle erreichen", berichtet Monika Heinz, die beim Maltester Hilfsdienst für die Initiative mitverantwortlich ist. Vor allem in Arztpraxen habe es bislang wenig Interesse gegeben. Wie wichtig der Gesundheitsaspekt bei den Betroffenen ist, verdeutlicht aber eine Apothekerin. Sie bitte die Angehörigen auch mal, alle Medikamente der Erkrankten mitzubringen, um dann alles durchzugehen.

Kurse zweimal jährlich

Die Kurse zum zertifizierten Demenzlotsen werden zweimal im Jahr angeboten. Bei der achtstündigen Veranstaltung gibt es zuerst eine umfassende Einführung zum Krankheitsbild. Danach wird in Kleingruppen ein angemessener Umgang mit Erkrankten eingeübt. Einmal jährlich ist für die Auffrischung der Informationen ein Netzwerktreffen vorgesehen. Zum Abschluss gibt es ein für ein Jahr geltendes Zertifikat und einen Aufkleber, den sich die Läden auf ihre Eingangstür kleben und mit ihrer Demenzfreundlichkeit werben können, berichtet Ausbilderin Christine Ryder.

Nach Einschätzung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft wächst das Angebot an Hilfs- und Partnerprogrammen für Demenzkranke und ihre Angehörigen. "Es ist aber auch noch viel nötig", betont Sprecherin Susanna Saxl. Gerade bei Behörden und im Einzelhandel sei es sehr wichtig, dass das Personal auch einen Blick für die Betroffenen hat. Es gebe zum Beispiel unangenehme Situationen, wenn ein an Demenz Erkrankter im Supermarkt das Bezahlen vergisst und dann der Kaufhaus-Detektiv oder die Polizei kommt, erklärt die Sprecherin.

Demenz zählt zu den häufigsten Erkrankungen im Alter. Für den Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit gibt es bislang keine Heilungsmöglichkeiten. Bundesweit sind rund 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Rund 300 000 Neuerkrankungen gibt es jährlich. Die Zahl der Erkrankten in Hessen beläuft sich auf über 112 000.