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Dom Podiumsdiskussion über Macht und Missbrauch in der katholischen Kirche / Massive Glaubenskrise der Gesellschaft

Der Beichtstuhl bleibt leer

Archivartikel

Frankfurt.Es ist eine klassische Frage in einem Bewerbungsgespräch: „Wo sehen Sie sich in 20 Jahren?“ Bei einer Podiumsdiskussion im Haus am Dom in Frankfurt geht es um die Kirche, die schwer angeschlagen nach dem Missbrauchsskandal, der sie nicht loslässt, in eine ungewisse Zukunft blickt, und eine Zuhörerin möchte wissen: „Wo sehen Sie die Kirche in 20 Jahren?“ In der Antwort sind sich die vier Diskutanten, der Rektor der Jesuitenhochschule Sankt Georgen in Frankfurt, Ansgar Wucherpfennig, der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, der Chefredakteur der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“, Johannes Röser, sowie die katholische Dogmatikprofessorin Johanna Rahner aus Tübingen einig: Die Gesellschaft kommt gut ohne Kirche aus.

„Egal, was wir machen, der Glaube wird irrelevant“, sagt Rahner. Früher seien die Menschen in die Kirche gegangen, um Antworten auf ihre existenziellen Fragen zu bekommen. „Heute wirkt die Kirche nicht mehr so, als könnte sie das leisten.“ Weil sie in Sprachformen rede, die nicht mehr vermittelbar seien.

„Hölle ist erledigt“

Wie soll eine Kirche überzeugen, die diejenigen missbraucht, die ihr Glauben schenken? Hat die Anti-Missbrauchskonferenz am vergangenen Wochenende im Vatikan hier Vertrauen zurückgewinnen können? Eher nicht, sind sich auch in dieser Frage die Podiumsteilnehmer einig. Nötig sei vielmehr ein tiefergehender Wandel. „Der Missbrauch hat systemische Gründe, wir müssen die Tabuisierung von Sexualität und Homosexualität in der katholischen Kirche aufheben“, so Wucherpfennig. „Wenn sich jemand fürs Zölibat und damit dafür entscheidet, dem Himmelreich zu dienen, ist dagegen nichts einzuwenden. Es wird aber ein echtes Problem, wenn junge Menschen, ob homo- oder heterosexuell, Schwierigkeiten mit ihrer Sexualität haben und die Rettung dann im Priesteramt suchen.“

Generalvikar Pfeffer sieht vor allem die „Harmoniesehnsucht“ in der Kirche kritisch. „Macht haftet bei uns etwas Böses an, da sagt jemand, wo es langgeht, das hat einen unangenehmen Geruch.“ Es gebe auch in der Kirche Menschen, die Macht hätten und diese auch haben müssten. Sie werde subtil „hintenherum“ ausgeübt und nicht kontrolliert. Gleichzeitig finde eine „totale Überhöhung“ des Priesteramtes statt – nach Meinung von Wucherpfennig und Pfeffer eine ungute Gemengelage. Chefredakteur Röser sieht es von der pragmatischen Seite: „Die Leute kommen doch kaum noch in die Kirche, und in den Beichtstuhl kommt so gut wie überhaupt niemand mehr. Die Hölle ist erledigt, die Hölle ist leer.“

Wucherpfennig hofft, dass die Kirche wieder in der Gesellschaft ankommen kann. Und Pfeffer hat dazu auch einen Ratschlag: „Die deutschen Bischöfe müssen möglichst schnell zu einer klaren und gemeinsamem Entscheidung kommen, wie mit den Missbrauchsfällen umgegangen wird.“ Ob das gelingt? Das wird sich in 20 Jahren zeigen.