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Infrastruktur Land nutzt Nassauische Heimstätte gegen Mangel an bezahlbaren Wohnraum / Unternehmen spricht von neuer Strategie

„Der klare Auftrag lautet: Bauen“

Archivartikel

Frankfurt/Wiesbaden.Die Debatte tobte heftig und schien auch den Landtagswahlkampf zu überschatten: Pläne aus der damaligen schwarz-gelben Landesregierung zur Privatisierung der Nassauischen Heimstätte sorgten über Parteigrenzen hinweg für Furore, bis die Verantwortlichen kurz vor der Wahl 2013 die Pläne aufgaben. Sechs Jahre später sind die Politiker froh, dass Hessens größter Wohnungskonzern weiter in öffentlicher Hand ist. Vor allem das Land, das über fast 60 Prozent der Anteile verfügt, nutzt die Beteiligung im Kampf zur Linderung des Mangels an bezahlbarem Wohnraum. In Zeiten einer Diskussion über die Verstaatlichung anderer Wohnbaukonzerne redet von Privatisierung in Hessen niemand mehr.

„Das Thema ist durch“, sagt der Geschäftsführer der Nassauischen Heimstätte, Constantin Westphal. Der seit Januar für das Thema zuständige Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne), der die Privatisierung seinerzeit noch als Oppositionspolitiker bekämpft hat, weiß dieses Instrument heute zu schätzen, auch wenn mit der Nassauischen Heimstätte allein natürlich nicht das ganze Problem des überhitzten Wohnungsmarkts gelöst werden kann. Al-Wazir ist im April als Nachfolger seiner Parteifreundin Priska Hinz zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Wohnungsgesellschaft gewählt worden, die die größte im Land ist und bundesweit zu den Top Ten gehört.

Ständiger Modernisierungsbedarf

Westphal berichtet von einer neuen Strategie. „Und die ist klar auf Wachstum ausgerichtet.“ Konkret strebt die Nassauische Heimstätte an, ihren Wohnungsbestand von knapp 60 000 auf 75 000 zu erhöhen. „Der klare Auftrag des Landes heißt: Bauen.“ Um das finanziell zu unterfüttern, hat das Land das Kapital der Nassauischen Heimstätte Ende 2016 um 200 Millionen Euro aufgestockt. Die Tranchen dafür fließen vier Jahre lang mit je 50 Millionen. Zudem verzichtet das Land fünf Jahre lang auf Dividende für seine Beteiligung.

„Es wird also nicht nur geredet, sondern auch gehandelt“, versichert Westphal. Im Bieterverfahren um geeignete Grundstücke ist der Konzern emsig unterwegs. Auch in den Osterferien habe es dazu immer wieder Ad-hoc-Sitzungen und Umlaufbeschlüsse gegeben. Von 2014 bis 2018 hat die Gesellschaft 1050 Wohnungen errichtet. Der Geschäftsführer räumt ein, dass fast die Hälfte als Eigentumswohnungen verkauft wurden. „Wir brauchen ja auch Liquidität, um in Hessen der Vermieter mit den günstigsten Mieten zu bleiben.“ Schließlich gibt es ständig Instandhaltungs- und Modernisierungsbedarf in den zum Teil schon jahrzehntealten Wohnungen.

Beim Neubau wird das Tempo deutlich verschärft. Binnen drei Jahren sollen 4900 Wohnungen gebaut werden, der Großteil im Rhein-Main-Gebiet. Um die 30 Prozent davon sind Sozialwohnungen, die im Bestand einen ähnlichen Anteil haben. Was die Höhe der Mieten angeht, nutzt das Land laut Al-Wazirs Sprecher Marco Kreuter vielfältige Möglichkeiten. So weise die Nassauische Heimstätte schon jetzt am teuren Standort Frankfurt mit einem Schnitt von 6,64 Euro pro Quadratmeter die niedrigste Kaltmiete auf. Nach Angaben Westphals liegt sie auch in den Neubaugebieten noch deutlich unter dem Marktniveau. Hinzu kommt, dass das Land zusammen mit dem Miteigentümer Stadt Frankfurt Mieterhöhungen für fünf Jahre auf je ein Prozent pro Jahr begrenzt hat.

Und weil Bauland rar geworden ist, hilft die Nassauische Heimstätte mit der „Baulandoffensive“ und einer Tochtergesellschaft Kommunen durch Machbarkeitsstudien bei der Erschließung geeigneter Grundstücke. Werden sie dann bebaut, muss sich die Gesellschaft wieder im Bieterverfahren stellen, um als Bauherr zum Zuge kommen zu können. Nur gegen die hohen Baupreise haben der Konzern und die Regierung noch kein Patentrezept gefunden.