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Natur Rund eine halbe Million Nationalparksbesucher pro Jahr / Einschränkungen im Alltag spürbar/ Gegner weiterhin kritisch

Der Mensch als Störfaktor

Baiersbronn.Der Mann ist etwa Mitte 60, gut trainiert und stinksauer. Noch bevor die Scheibenbremsen sein High-Tech-Mountainbike aus voller Fahrt direkt vor den beiden Rangern zum Stehen bringen, schimpft er lauthals los: „Stellt ihr überall diese Pflöcke auf? Alles gesperrt, unmöglich ist das, und ihr fahrt hier mit dem Auto herum!“ Ranger Urs Reif wirft seiner Kollegin einen vielsagenden Blick zu, streckt sich und nimmt die Diskussion an.

Reif, 37, Diplom-Biologe, ist Chef-Ranger im Nationalpark Schwarzwald und sieht auch aus wie einer. Groß, trainiert, bärtig, auf dem T-Shirt den Nationalparks-Slogan „Eine Spur wilder“. Szenen wie diese gehören zu Reifs Tagesgeschäft. Er muss vermitteln, erklären, Verständnis wecken. Denn auch, wenn der Nationalpark vom normalen Wald weitgehend noch gar nicht zu unterscheiden ist, wird seine Existenz doch allmählich spürbar. Wo der Wald sich ungestört entwickeln soll, muss zuerst der Störfaktor Nummer eins weichen: der Mensch.

Es hagelt Verbote. Heidelbeeren und Pilze sammeln oder nach Herzenslust durch den Wald wandern, joggen, biken, aber auch Jagen – das ist alles Geschichte. Von den ursprünglich 1600 Kilometern Wege- und Straßennetz im Nationalpark sollen am Ende noch 414 Kilometer öffentlich zugänglich sein.

Für regelmäßigen Ärger sorgt, dass die Ranger mit dem Auto statt zu Fuß oder mit dem E-Bike unterwegs sind. So wie heute Reif und seine Kollegin Friederike Schleicher. Sie fahren mit dem Kombi, um „Batcorder“ auszubringen – hochempfindliche Fledermaus-Aufnahmegeräte, die an 70 festgelegten Stellen im Gelände angebracht und nach 24 Stunden wieder eingesammelt werden müssen. Teil eines wissenschaftlichen Langzeitprojekts, des Öko-Monitorings. „Wenn wir erklären, was wir tun, haben viele Verständnis“, sagt Reif. Der Radfahrer aber pfeift auf die Fledermäuse. Seit Jahren radelt er hier an der Badener Höhe, und jetzt schießen plötzlich mehr Verbotsschilder aus dem Waldboden als Pilze. Mit viel Geduld gelingt es Reif, den Radler in eine Diskussion über alternative Radstrecken zu verwickeln. Der Radler, stellt sich heraus, ist kein Nationalpark-Gegner. Nur das Radfahren verbieten lassen will er sich nicht. „Vor allem Mountainbiker sind rabiat, reißen Schilder ab, fahren, wo sie wollen“, sagt Reif. „Dabei sind sie für das Wild viel störender als Autos auf den Straßen.“

Mittlerweile 120 Mitarbeiter

Viereinhalb Jahre sind vergangen, seit im Januar 2014 dieser erste Nationalpark in Baden-Württemberg gegründet wurde. Geschätzt eine halbe Million Besucher kommen seitdem pro Jahr. Auf rund 10 000 Hektar Fläche erstecken sich die beiden getrennten Teile des Nationalparks am Hauptkamm des Nordschwarzwalds zwischen Schwarzwaldhochstraße und Murgtal. Dass der Nationalpark nicht zusammenhängt, irritiert viele Besucher. Aber dazwischen, bei Forbach und Hundsbach, gehört ein Großteil privaten Waldbesitzern und der Murgschifferschaft, einer seit dem Mittelalter bestehenden Holzvermarktungsgenossenschaft. Die Gegend ist eines der erbitterten Widerstandsnester gegen den Nationalpark, hier sitzen auch die Betreiber der Internet-Widerstands-Plattform „Unser Nordschwarzwald“.

„Wir haben bei Null angefangen, es gab für nichts eine Blaupause“, sagt Thomas Waldenspuhl, neben Wolfgang Schlund einer der beiden Leiter des Nationalparks, der mittlerweile 120 Mitarbeiter hat. Waldenspuhl hat die ganzen Kämpfe mitgemacht damals, kennt alle Gegner, Argumente und die Wut. Sichtlich ist er bemüht, alle einzufangen. Und das Verhältnis zu den Gegnern? „Wir versuchen, im Gespräch zu bleiben“, sagt Waldenspuhl und holt eine Umfrage unter den Anrainern von 2017 vor, nach der 47 Prozent der Befragten inzwischen den Nationalpark rundweg gut finden. Nur neun Prozent lehnen ihn ganz oder weitgehend ab – 2013 waren noch mehr als 70 Prozent der Bürger dagegen. „Beim harten Kern geht es um eine Grundeinstellung. Da kann man nicht mit Argumenten überzeugen“ sagt Waldenspuhl.

Michael Ruf lächelt über diese Aussage so bescheiden selbstbewusst, wie es nur ein Bürgermeister kann, dessen Sorge eher zuviel Touristen sind. „Für den Gast hat sich nichts verändert. Die Übernachtungsbetriebe waren auch ohne Nationalpark schon bei über 80 Prozent Auslastung“, sagt der Bürgermeister von Baiersbronn. Seit dem großen Streit um den Park gibt es in Baiersbronn tief zerstrittene Familien und Nachbarn, die nicht mehr miteinander reden. „Ablehnung bringt uns nicht weiter“, sagt Ruf. Ob der Nationalpark Baiersbronn auch irgendwie nützt? „Das lässt sich nicht messen.“