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Energie Christoph Lobert prüft Anlagen von Rheinland-Pfalz bis Südafrika, dabei muss er Wetterkapriolen berücksichtigen

Der „TÜV“ für Windräder

Driedorf.Ein kurzes Klacken ertönt. „Die Netzkopplung“, erklärt Christoph Lobert. Damit ist die Windkraftanlage vom Netz, und es kann losgehen mit der Prüfung. Lobert arbeitet für die Gesellschaft für Windenergieanlagen in Rennerod. Diesmal hat er sich eine erst vier Jahre stehende Anlage bei Driedorf im Westerwald direkt an der Landesgrenze von Hessen und Rheinland-Pfalz vorgenommen. Die Ausmaße der Drei-Megawatt-Anlage sind immens: Mit rund 150 Metern Höhe gehört sie Lobert zufolge zu den derzeit größten an Land. „Das ist die Grenze, was derzeit mit Kränen machbar ist“, sagt er.

Bis in 80 Meter Höhe ragt ein Betonkonstrukt, darüber geht es mit Stahl weiter – Hybridturm heißt eine solche Konstruktion. Die Länge der Rotorblätter liegt bei rund 45 Metern, ungefähr 4,5 Millionen Euro kostet eine solche Anlage. Steuerbar ist sie von unten über ein Steuerpanel. Hier lässt sich etwa die Heizung in den Blättern regulieren, die Eisbildung vermeiden soll. Auf einer Digitalanzeige erscheint, dass die Rotorblätter an diesem sonnigen Tag auf acht Umdrehungen pro Minute kommen – bis Lobert sie für den Check stoppt.

Auch programmierte Zeiten für die Schattenabschaltung sind zu sehen. Das bedeutet, dass das Windrad bei sonnigem Wetter an bestimmten Tagen im Jahr zu bestimmten Uhrzeiten vorübergehend abgeschaltet wird, um den Schatten, den die Rotorblätter werfen, zu minimieren. Vor dem Bau einer Anlage werde geschaut, wo auf Häusern im Umkreis Schatten entstehe, erklärt der Experte. Eine Beschattung von etwa 30 Stunden pro Jahr gelte ungefähr als ertragbar. Damit das nicht überschritten werde, gebe es die Schattenabschaltungen.

Prüfungen festgeschrieben

Der Prüfer steigt in einen Aufzug und macht einen Sicherheitscheck. Das sei vorgeschrieben, nachdem es schon tödliche Unfälle gegeben habe, sagt Lobert. Schließlich fährt der Lift mit ihm nach oben, das letzte Stück geht es per Leiter weiter. Oben in der sogenannten Gondel – dem Maschinenhaus – angekommen, schaut er sich zum Beispiel Schrauben an, prüft, ob sie locker sind, macht den Klopf-Test, wie er sagt. Kabel werden auf Beschädigungen untersucht. Manchmal würden Proben von ausgetretenem Fett genommen, um zu sehen, ob sich darin Verschleißteilchen befänden.

Grundsätzlich werden gemäß den Richtlinien für Windenergieanlagen des Deutschen Instituts für Bautechnik bei solchen wiederkehrenden Prüfungen die Maschine, die Rotorblätter und die Tragstruktur – also Turm und Fundamente – unter die Lupe genommen. Die Prüfung muss in der Regel spätestens alle zwei Jahre erfolgen. Lässt der Betreiber jährlich eine Wartung von Experten durchführen, die vom Hersteller autorisiert sind, kann das Intervall auf vier Jahre verlängert werden. Im Fall der Anlage bei Driedorf kostet die Prüfung rund 5000 Euro. Lobert schreibt einen Bericht, den sich ein Ingenieur anschaut. Für die Sicherheit einer Windkraftanlage und die nötigen Prüfungen sind die Betreiber selbst verantwortlich, wie das Energieministerium in Mainz betont. Eigene behördliche Überprüfungen gebe es nicht, wohl aber kontrollierten Behörden, ob Prüfungen erfolgt und ob sie korrekt durchgeführt worden sind.

In der Gondel der Anlage bei Driedorf ist es fast lautlos, sie arbeitet getriebelos, keine Ölpumpe stampft hier oben. Lobert nimmt die Wasserkühlung des Generators unter die Lupe, auch den Achszapfen, die Verbindung zwischen Maschinenhaus und Rotor. Der Fachmann schaut sich den Ladekran an, mit dem Gegenstände durch eine Luke im Boden in die Gondel gehievt werden können. Und er steuert per Knopfdruck testweise die bis zu 90 Grad bewegbaren Rotorblätter. In diesem Fall werden die Blätter später von anderen Experten aus Hamburg gecheckt, wie Lobert erklärt. Sie seilen sich dann entlang der Blätter ab und schauen nach Rissen oder Materialeinschlüssen.

Auch die Blitzrezeptoren werden getestet. Sie sollen Blitze aufnehmen und über den Turm der Anlage ableiten. Lobert sieht: „Es hat viele Blitzeinschläge gegeben.“ Das verraten Schmauchspuren an den Blättern. Grundsätzlich seien Einschläge kein Problem – und kein Wunder bei der erhabenen Lage der Anlage im Westerwald. Bei Windrädern an guten Standorten seien durchaus 100 Blitzeinschläge pro Jahr möglich, erklärt Lobert. Es gibt aber auch andere Fälle. So brannte vor wenigen Wochen ein Windrad nahe Frohburg durch einen Blitzeinschlag ab, Ähnliches geschah 2017 in Sachsen-Anhalt. Lobert, der auch schon Anlagen in Irland oder Südafrika auf Herz und Nieren geprüft hat, erzählt, er sei mal während eines Gewitters in einer Gondel gewesen. Das Unwetter sei plötzlich aufgezogen, ein Blitz habe eingeschlagen – mit lautem Knall. „Das ist unangenehm.“