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Umwelt Borkenkäfer profitieren bei der Brut vom trockenen Sommer des vergangenen Jahres / Millionenschaden für Wälder befürchtet

Die Gefahr im Baumstamm

Archivartikel

Stuttgart.Baden-Württemberg droht eine Borkenkäfer-Katastrophe. Erste Hochrechnungen möglicher Schäden für dieses Jahr bewegen sich im Bereich von 100 Millionen Euro. Über die Lage und mögliche Abwehrmaßnahmen haben Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) und Landesforstpräsident Max Reger in Stuttgart informiert. „Viel Regen, Kälte, Feuchtigkeit. Für die nächsten acht Wochen, mindestens.“ Das braucht jetzt der Wald, sagt Reger. Sonst droht ein Horrorjahr für Waldbesitzer, den Forst und vor allem für die Fichte. Mehr als jeder dritte Baum in baden-württembergischen Wäldern ist eine Fichte. Ihr Anteil an der Waldfläche des Landes beträgt 34 Prozent, bundesweit sind es etwa 26 Prozent.

Die Fichte gilt als Brotbaum der Forstwirtschaft und sorgt für bis zu 90 Prozent des Ertrags der Holzwirtschaft. Sie wächst vergleichsweise schnell, ist anspruchslos, und das Holz ist vielseitig verwendbar. Weite Waldflächen in Baden-Württemberg, in denen der ursprüngliche Mischwald seit Generationen abgeholzt ist, bestehen deshalb aus Fichten-Monokulturen. Doch genau das könnte das Ende der Fichte bedeuten.

Weibchen legen bis zu 60 Eier

Denn während der Borkenkäfer in einem gesunden, durchmischten Wald willkommen ist, ist er in Massen für Fichten-Monokulturen gefährlich. Einzelne Käfer können von den Fichten abgewehrt werden, greifen jedoch zu viele an, stirbt der Baum. Kupferstecher und Buchdrucker, die Hauptarten der Käfer, gehen meist auf ältere und schon geschwächte Bäume. Aber in Massenjahren greifen sie auch gesunde, junge Fichten an. Schon das Jahr 2018 war nach dem Sturmtief Eberhard Anfang März schwierig für den Forst, es gab rund 500 000 Kubikmeter Sturmholz vor allem im nördlichen Baden-Württemberg. Dann kam ein Sommer praktisch ohne Niederschläge von April bis Ende Oktober. „2018 waren große Mengen an bruttauglichem Material in den Wäldern“, sagt Hauk. Und der Käfer hat sie genutzt. Drei Millionen Kubikmeter Wald wurden 2018 in Baden-Württemberg präventiv geschlagen. Dennoch war im März 2019 die Schadensmenge mit 185 000 Kubikmetern verbuchtem Käferholz bereits fünfmal so hoch wie in normalen Jahren.

Eigentlich müsste das Käferholz schnellstens raus aus dem Wald. Aber es fehlen Frachtkapazitäten. Und das Schadholz hat den Markt gesättigt, rund 100 Millionen Kubikmeter Holz liegen unverkäuflich in den Lagern. Das Land hat den Frischholzeinschlag in seinen Wäldern deshalb gestoppt. Wer Holz hat, bleibt auf dem Schaden sitzen, ob Land, Kommune oder Privatwaldbesitzer. Unterstützung von Land und Bund gibt es nur für Aufarbeitungsmaßnahmen. Hauk fordert mehr Geld vom Bund, auch das Land legt nach: Ab sofort gibt es Prämien für das Hacken von gefährdeten Baumgipfeln und schwachem Stammholz. Mit zehn Millionen Euro Mehrbedarf jährlich rechnet Hauk. Aber jetzt kommt 2019.

„Da braut sich eine prekäre Situation zusammen“, sagt Hauk. Denn während in normalen Jahren nur eine Generation Borkenkäfer schlüpft, hat sich in der Trockenheit von 2018 im Herbst bereits die dritte Generation ausgebildet. In einem Fichtenstamm können rund 10 000 Käfer sitzen, sagt Hauk. Die Hälfte davon sind Weibchen, von denen jedes etwa 60 Eier legt. Innerhalb einer Generation kann sich die Zahl der Käfer so verdreißigfachen. Ab Temperaturen von 16 Grad im Frühjahr schwärmen sie aus. „Ein befallener Stamm im Frühjahr heißt 400 bis 500 kranke Bäume im Herbst“ rechnet Hauk. Ob das größte Schadensjahr bevorsteht? „Das kann man noch nicht sagen“, sagt Hauk. Aber nach ersten Berechnungen könnten sich die Schäden 2019 auf 100 Millionen Euro summieren.

Das Land lässt derzeit neue Waldeignungskarten erstellen, die veränderte Klima- und Umweltbedingungen berücksichtigen. „Viele Fichten gehören da ja eigentlich nicht hin, wo sie stehen“, sagt Hauk. Auf die Schnelle helfen würden jetzt aber nur ein nasses, kaltes Frühjahr und ein feuchter Sommer. Und auf die Dauer? „Das ist der Klimawandel“, sagt Hauk. Er schaut aus dem Fenster. Draußen scheint die Sonne, es ist 18 Grad warm. Und in den Wäldern, da regt sich das Leben.

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