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Glücksspiel Lotto Hessen gibt es seit 70 Jahren – drei Glücksfeen erinnern sich

„Die gleichen Träume wie heute“

Wiesbaden.Die Offerten reichten von hausgemachter Leberwurst über eine Einladung zur Weltreise bis hin zu Heiratsanträgen: Immer wieder buhlten Lottospieler mit teils abenteuerlichen Angeboten um die Gunst der Lottofeen. „Es gab Bestechungsversuche“, berichtet Karin Tietze-Ludwig lächelnd, wenn sie auf die 30 Jahre zurückblickt, in denen sie die Lottozahlen im Fernsehen präsentierte. Genutzt habe das alles freilich nichts. Auch die etwa 20 bis 30 Heiratsanträge habe sie abgelehnt.

Die Glücksspielgesellschaft Lotto Hessen feiert diesen März ihren 70. Geburtstag, zum Jubiläum plaudern die Lottofeen Tietze-Ludwig und Franziska Reichenbacher gestern in Wiesbaden aus dem Nähkästchen. „Ich habe auch viele Lottomillionäre persönlich kennengelernt“, erzählt Tietze-Ludwig. Einer habe ihr gar aus Dankbarkeit 777 D-Mark zugeschickt – „die gingen postwendend zurück“. Ein anderer Briefeschreiber empfahl ihr, aus rein optischen Gründen die angegilbten Lotto-Kugeln zuhause in der Waschmaschine zu säubern.

Sie denke bei der Ziehung schon darüber nach, wer wohl gewonnen haben könnte, erzählt Reichenbacher. Nach ihrer Erfahrung hat sich der Kontakt zwischen Lottofee und Gewinner inzwischen verändert. Es kämen zwar Dankesbriefe bei ihr an, jedoch oft anonym. Ein Gewinner-Ehepaar wollte eine Autogrammkarte – aber bitte ohne persönliche Anrede, so die Bitte: „Die Leute haben zunehmend Angst, dass jemand von dem Gewinn erfährt.“

Waisenmädchen zieht die Zahlen

Das war zu der Zeit von Elvira Hahn noch ganz anders. Das zwölfjährige Waisenmädchen zog am 9. Oktober 1955 die erste Zahl bei der Deutschland-Premiere von „6 aus 49“ in Hamburg. „Ich trug weiße Kniestrümpfe, und die Erzieherin kontrollierte, ob ich auch saubere Fingernägel hatte“, erinnert sich die 75-Jährige. Ihre erste Lotto-Zahl war ausgerechnet die 13. Es ging ein Raunen durch den Saal.

„Ich war ein Heimkind und wurde eine Lottofee“, erzählt Hahn und berichtet, dass sich ein Ehepaar aus Bayern nach einem Sechser-Gewinn an das Heim wandte und sich bei ihr bedanken wollte. „Das Paar legte für mich ein Sparbuch an mit 1000 Mark“, sagt Hahn. „Als ich volljährig war, bekam ich das Geld.“ Da habe sie gerade geheiratet. „Wir waren überglücklich und haben uns unter anderem einen Kühlschrank gekauft.“

In Hessen startete das Zahlenlotto 1956, mit 50 Pfennig Einsatz war man dabei. Nach zwei Ziehungen war es so weit: der erste hessische Sechser. 508 131 D-Mark gewann der glückliche Tipper – für damalige Verhältnisse eine enorme Summe. Der Geschäftsführer von Hessen Lotto, Heinz-Georg Sundermann, berichtet: Schon vorher hatte es beliebte Sonderverlosungen gegeben, zum Beispiel 100 Weihnachtsgänse im Jahr 1949.

1950 wurde dann um 50 Eigenheime gespielt. Auf alten Fotos sieht man die glücklichen Gewinner: Eine Familie steht mit Kind und Kegel vor dem Rohbau, ein anderes Paar hält fröhlich seinen Langhaardackel in die Kamera. „Die Leute hatten im Prinzip die gleichen Träume wie heute“, sagt Sundermann. „Autos, Häuser, Reisen.“ Im September 1965 übertrug der Hessische Rundfunk zum ersten Mal eine Ziehung live. Die erste Lottofee im Fernsehen war Karin Dinslage. Zwei Jahre später wurde sie von Karin Tietze-Ludwig abgelöst.

30 Jahre und 365 hessische Lottomillionäre später übernimmt im Januar 1998 Reichenbacher den Staffelstab. Sie präsentiert die Zahlen samstags und mittwochs in der ARD und im ZDF und hat bislang weitere 245 Hessen zu Millionären gemacht. Mit der Einführung des Euro gebe es nicht mehr so oft Lotto-Millionäre, gibt Reichenbacher zu bedenken.

Das Geld aus den Spieltöpfen ging in den vergangenen 70 Jahren nicht nur an glückliche Tipper. Bereits 1949 wurden der Sport, die Kultur und soziale Projekte an den Umsätzen der Wetteinnahmen beteiligt. Unter dem Motto „Totogelder schaffen Sportstätten“ wurde unter anderem das Frankfurter Waldstadion mit Geld aus Sportwetten erbaut. Auch die Lottofeen spielen Lotto, Elvira Hahn tippt bis heute die Zahlen aus der ersten Ziehung 1955. Sie kann die Reihe auswendig aufsagen: „3, 12, 13, 16, 23, 41“.