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Holocaust Beim Internationalen Suchdienst erfahren NS-Überlebende mehr über ihre Familiengeschichte – so auch Gershon Willinger

„Die Suche nach meiner Identität ist jetzt abgeschlossen“

Archivartikel

Bad Arolsen.Gershon Willinger führt seinen Zeigefinger mit Bedacht über die Zeilen auf dem Papier. Er wirkt beim Lesen ergriffen, kämpft mit seinen Emotionen. Seine Frau Jane wischt sich Tränen aus den Augen. Auf einem Tisch vor Willinger liegen Kopien von vergilbten, jahrzehntealten Dokumenten. Sie verraten dem 75-jährigen Mann, der aus Kanada extra nach Deutschland gereist ist, etwas über seine grauenvolle Vergangenheit und die seiner jüdischen Familie. „Ich bin überwältigt angesichts der Fülle an Informationen. Die Dokumente helfen mir, ein Bild von früher zu bekommen.“

30 Millionen Dokumente

Seine Eltern wurden während des Zweiten Weltkriegs im NS-Vernichtungslager Sobibor im Juli 1943 ermordet. Auch weitere Verwandte fielen dem todbringenden Nazi-Terror zum Opfer. Gershon Willinger, geboren im September 1942, aber überlebte die Deportationen und die Zeit in Konzentrationslagern in Bergen-Belsen und Theresienstadt.

Beim International Tracing Service (Internationaler Suchdienst/ITS) im nordhessischen Bad Arolsen erhielt Willinger vor kurzem eine Dokumenten-Sammlung in Kopie zum Schicksal seiner Familie. „Besuche von Überlebenden werden immer seltener, denn bald gibt es leider keine Zeitzeugen mehr. Bei Gershon Willinger ist zudem besonders, dass er als jüdisches Kleinkind die NS-Verfolgung überlebte“, erklärt ITS-Sprecherin Verena Neusüs.

Der ITS ist ein Archiv und Dokumentationszentrum über NS-Verfolgung und die befreiten Überlebenden nach dem Ende des Dritten Reichs. Das Archiv – ein wahres Mahnmal aus Papier – umfasst 30 Millionen Dokumente. Darin geht es um die Schicksale von Millionen Opfern. Eines davon ist Gershon Willinger. Seine Eltern wurden in Dortmund geboren. Der Vater flieht 1937 in die Niederlande. Dort wird der kleine „Gert“ am 24. September 1942 in Amsterdam geboren. Die Juden-Verfolgung wird auch in den von Deutschen besetzten Niederlanden immer erbarmungsloser. Willinger wird Anfang 1943 bei einer nicht-jüdischen Pflegefamilie untergebracht. Seine leiblichen Eltern werden im Sommer von den Nazis deportiert und ermordet. Willinger kommt ins Durchgangslager Westerbork und wird mit einer ganzen Gruppe von sogenannten unbekannten Kinder im September 1944 nach Bergen-Belsen gebracht, zwei Monate später weiter nach Theresienstadt. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers kehrte Willinger in die Niederlande zurück. Nach seinem Schulabschluss ging er für den Armeedienst nach Israel und studierte dort und in den USA Sozialarbeit. 1977 emigrierte er nach Kanada.

In seinem Berufsleben kümmerte er sich – passend zu seiner eigenen Biografie – um traumatisierte und missbrauchte Kinder. „Meine Hoffnung war immer, dass Kinder nicht solche schrecklichen Erfahrungen machen müssen wie ich früher.“ Das lange nicht vollständig ergründete Kapitel in Willingers früherem Leben kann er nun schließen. „Die Suche nach meiner Identität ist jetzt abgeschlossen“, sagt er. „Mir fehlte lange Zeit etwas in meinem Leben. Aber jetzt habe ich die Beweise auf Papier. Deswegen sind diese Dokumente über meine Familie so wichtig für mich.“ Neu war für ihn etwa das Schicksal seiner Tante Hedwig, wie er erzählt.

Zahl der Anfragen nimmt zu

Auch Willingers Ehefrau Jane zeigt sich ergriffen. Sie ist beeindruckt von den Archivschätzen des ITS. „Angesichts dieser Dokumente und Daten kann man sich nur wundern, dass es auf der Welt immer noch Holocaust-Leugner gibt“, sagt sie entgeistert.

Auch wenn die NS-Gewaltherrschaft mehr als 70 Jahre zurückliegt –die Zahl der Anfragen beim ITS ist in den vergangenen Jahren beständig gestiegen. „Das Interesse von Hinterbliebenen aus der zweiten und dritten Generation ist ungebrochen“, erklärt ITS-Sprecherin Neusüs.