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Partymeile Frankfurter Stadtviertel Alt-Sachsenhausen kämpft um Ansehen / Gastronom setzt sich mit Initiative „altSaxneu“ ein

„Dribb de Bach die Sau rauslasse“

Archivartikel

Frankfurt.In den kleinen Gässchen liegen überall leere Flaschen, an den Abfallkörben türmen sich die Pizzaschachteln und vor den Kneipen quellen Müllsäcke über. „Am Sonntagmorgen sieht es hier aus, als ob ein Fasnachtsumzug durchgezogen ist“, beschreibt Jürgen Vieth die Lage in Alt-Sachsenhausen.

Der Mann muss es wissen: Er betreibt selbst fünf Lokale im legendären Vergnügungsviertel, das seit vielen Jahren weit über Frankfurt hinaus einen schlechten Ruf hat. Dennoch lassen es sich hier am Wochenende Tausende von Besuchern gut gehen. Viele kommen oft schon mit harten Spirituosen aus umlegenden Supermärkten und Kiosken „vorgeglüht“ an, um dann „dribb de Bach (auf der anderen Mainseite) die Sau rauszulasse“, wie Vieth sagt.

Dazu gehören auch die vielen Junggesellen-Abschiede – auch in Vieths Schuppen „Oberbayern“. Dort feiern am Wochenende Hunderte, meist junge Leute, bis morgens um fünf Uhr. Die Alkohol-Exzesse locken auch ungebetene Gäste ins Viertel. Betrunkene werden von Banden nicht selten gezielt ausgeraubt, wie der Gastronom berichtet.

Wenig Familien, kaum Kinder

Es ist ein ungeschminktes Bild, das Vieth vom Viertel zeichnet. Der 55-Jährige lebt dort in der Klappergasse seit einem Vierteljahrhundert – und möchte es jetzt umkrempeln. Zusammen mit Kreativen aus der Künstlerszene und von Werbeagenturen sowie jungen Hoteliers hat er mit Unterstützung der Stadt die Initiative „altSaxneu“ ins Leben gerufen. Gemeinsam wollen sie mehr urbanes Leben im Viertel schaffen – und es wieder wohnlicher machen.

In den kleinen Häusern der Altstadt – teils sind sie noch aus Fachwerk – leben nur wenige Familien und kaum Kinder. Dabei geht es dort tagsüber so geruhsam und freundlich zu wie in einem Dorf. An Ecken und kleinen Plätzen plätschert das Wasser in alten Brunnen. Neben dem Paradiesbrunnen ist vor allem der Frau-Rauscher-Brunnen berühmt geworden. Er erinnert an die in einem Fastnachtslied besungene „Fraa (südhessisch für „Frau“) Rauscher aus de Klappergass’“.

Die Sanierung und Beleuchtung der Brunnen gehören zu einem Förderprogramm zur Aufwertung des Viertels. Zusätzliche vier Millionen Euro hat die Stadt seit 2001 allein in die Sanierung und Farbgestaltung von Häusern reingepumpt, um das Viertel auch als Wohnraum attraktiver zu machen. Doch der Lärm bis in die frühen Morgenstunden ist da kontraproduktiv.

Gastronom Vieth hat sich jetzt mit „altSaxneu“ jetzt vorgenommen, strukturell vorzugehen und die „Monokultur“ in der Kneipenlandschaft zu verändern. Von 80 Lokalen sind allein 14 Shisha-Bars, deren Qualm in den engen Gassen wiederum die Gastronomie vertreibt.

Zu den Apfelweinlokalen mit großer Tradition im Viertel gehört das „Lorsbacher Thal“, dessen Wirt Frank Winkler sich mit ambitionierter Küche und einem Kulturprogramm ebenfalls um ein besseres Image des Viertels bemüht. „Ein wunderschönes Stück Tradition“ sieht er in Alt-Sachsenhausen. Doch vom Ballermann-Image wegzukommen, sei „kein einfacher Weg“, räumt Winkler ein, der ein engagierter Mitstreiter von Vieth ist.

„AltSaxneu“ bietet Vermietern im Viertel an, bei der Suche nach einem Pächter in der gehobeneren Gastronomie zu helfen. Bisher allerdings mit null Echo. Die Eigentümer der Häuser scheinen an der Rendite interessiert. Und Lokale in Alt-Sachsenhausen müssen sehr hohe Mieten bezahlen, wie Vieth weiß.

Der widerrum ist Realist – und will sich nicht lumpen lassen. Zum Wohle von Alt-Sachsenhausen würde er sogar eines seiner Lokale aufgeben, versichert er. Es gebe zu viele. Seine Gäste versucht er derweil, zu erziehen. Das „Oberbayern“ hat einen Verhaltenskodex für Junggesellen-Abschiede erlassen – zusätzlich noch Security-Personal und Videokameras. Dennoch verschwinden dort am Abend fünf bis zehn Geldbeutel und Handys, wie er sagt.

Suche nach Ortsdiener

Die Kriminalität im Viertel – auch das Dealen von Drogen – hat zugenommen, so Vieth. Die Frankfurter Polizei will das nicht bestätigen. Das Sicherheitsgefühl für Besucher will „altSaxneu“ trotzdem stärken – mit einem „Ortsdiener“, der zu einer festen Anlaufstelle im Viertel werden soll. Dafür hat die Stadt 20 000 Euro gegeben. Derzeit wird noch nach der geeigneten Person gesucht.

Es gibt aber auch Erfolgserlebnisse im Viertel. „Es ist schöner geworden“, meint Wolfgang Holzer zu den vielen frisch getünchten Häusern. Seit drei Jahrzehnten zieht der inzwischen 75 Jahre alte „Brezel-Wölfi“, ein echtes Original, durch die traditionellen „Ebbelwoi“-Lokale. Früher die ganze Woche – heute angesichts seines fortgeschrittenen Alters nur noch freitags und samstags. Bei den Wirten fühlt er sich mit seinen Waren, die von einer Sachsenhäuser Bäckerei stammen, immer willkommen.

Auch auf dem neuen Markt, der auf Initiative von „altSaxneu“ jeden Freitag auf dem Paradiesplatz Hunderte von Besuchern angezogen hat. Darunter seien auch viele Frauen gewesen, die sonst das Viertel eher meiden, wie „Brezel-Wölfi“ sagt. Doch vor wenigen Wochen musste die Initiative den populären Treff beerdigen – mit der Stadt gab es Ärger.

„Die Verwaltung ist das Problem“, seufzt Vieth und beklagt die Bürokratie in den Ämtern.