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Mobilität Vor allem in den Großstädten gibt es immer mehr elektrische Tretroller / In den Rathäusern sind sie eher unbeliebt

E-Scooter auf dem Vormarsch

Archivartikel

Kassel/Frankfurt/Wiesbaden/Darmstadt.Plötzlich standen sie an Straßen, auf Plätzen und Bürgersteigen – quasi über Nacht bekam Kassel seine ersten elektrischen Leih-Tretroller. Was in anderen hessischen Städten Normalität ist, führte in Nordhessen im September erstmal zu skurrilen Szenen: Fassungslos untersuchten Anwohner die grün-schwarz lackierten Roller, die plötzlich vor ihrer Haustür standen. Abends bewegte sich eine lange Lichter-Kette durch einen örtlichen Park – Rollerfahrer testeten die Gefährte in Kolonne.

Nicht nur für die Einwohner waren die E-Scooter eine Überraschung. Auch im Rathaus kannte man den Starttermin nicht. „In den letzten Wochen und Monaten haben sich mehrere Unternehmen mit dem Straßenverkehrs- und Tiefbauamt in Verbindung gesetzt und angekündigt, in Zukunft Angebote zur Vermietung von E-Scootern in Kassel an den Start bringen zu wollen“, sagte ein Stadtsprecher.

Konkrete und verbindliche Aussagen zum Zeitpunkt hätten nicht vorgelegen, der Betriebsbeginn des Leihsystems sei zeitlich nicht mit der Stadt abgestimmt gewesen. „Dies kann praktisch von den Betreibern auch nicht verlangt werden, weil diese im Rahmen des geltenden Rechts und des Gemeingebrauchs des öffentlichen Verkehrsraums eigenständig über ihre wirtschaftlichen Aktivitäten entscheiden können“, erklärte der Sprecher.

Wildparkerei das Hauptproblem

Mittlerweile gehören die Roller in Kassel zum Stadtbild – wie auch in Wiesbaden, Frankfurt und seit Mitte September in Darmstadt. Wie viele in Hessen insgesamt unterwegs sind, bleibt unklar. Frankfurt beispielsweise zählt aktuell fünf Anbieter. „Über die Anzahl der Fahrzeuge hat die Stadt allerdings keine Erkenntnisse“, sagte ein Sprecher. In Wiesbaden melden laut Verkehrsdezernat nur zwei der insgesamt drei Anbieter monatlich die Rollerzahlen. 800 E-Tretroller seien es mindestens. 300 Roller sind in Darmstadt am Start. In Marburg, Offenbach, Fulda und Gießen gibt es keine Leihsysteme. Allerdings berichten Verwaltungen von entsprechenden Anfragen der Anbieter.

In den Rathäusern ist man oft kritisch. So erklärt Marburg, aktuell kein E-Roller-Leihsystem zu wollen. Die abgestellten E-Scooter seien eine Stolperfalle für Blinde und Sehbehinderte. Man stehe den E-Tretrollern „sehr zurückhaltend“ gegenüber, sagt auch ein Sprecher in Darmstadt. Verhindern könne man sie allerdings auch nicht: „Die Anbieter benötigen von der Kommune keine Genehmigung.“ Wild geparkte E-Scooter sind oft das Hauptproblem. Kassels Verkehrsdezernent Dirk Stochla (SPD) will sehr genau beobachten, „wo und wie die E-Scooter abgestellt werden.“ Sollten diese die Verkehrssicherheit beeinträchtigen, werde man die Fahrzeuge auf Kosten des Betreibers entfernen.

Auch in Frankfurt sind wild geparkte E-Scooter ein Dauerthema: „Die Beschwerdelage, vor allem über rücksichtslos abgestellte Fahrzeuge, ist sehr hoch und damit der Wunsch, reglementierend einzugreifen“, erklärte das Verkehrsdezernat. Eine Rechtsgrundlage dafür gebe es allerdings leider nicht. Der Bund als Gesetzgeber sei gefordert. Im Februar hatte der Bundesrat sich dagegen entscheiden, das freie Parken der Scooter zu begrenzen.

So gibt es in Hessen bisher vor allem freiwillige Vereinbarungen. Die Stadt Wiesbaden hat nach eigenen Angaben beispielsweise ein Merkblatt für die Anbieter von Verleihsystemen erstellt, das diese bei Betriebsbeginn unterzeichneten. „Dort ist festgehalten, dass bei der Aufstellung der E-Tretroller Restgehwegbreiten eingehalten werden und Behinderungen vermieden werden müssen.“ Zudem prüfe Wiesbaden eine Obergrenze für E-Tretroller im Innenstadtbereich. Fachleute sehen schon länger eine Marktbereinigung durch die große Konkurrenz in der Branche. So hat laut der Stadt Wiesbaden einer von drei Anbietern bereits seinen Rückzug zum Jahresende angekündigt. lhe