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Kundgebung Stuttgart-21-Gegner feiern zehn Jahre Montagsdemonstrationen gegen das Milliardenprojekt

Ein Protest, der Stuttgart verändert hat

Stuttgart.Es begann mit vier Menschen, die am Abend des 26. Oktober 2009 am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs ein paar Kerzen anzündeten: Zehn Jahre ist es her, als die bislang größte und am längsten andauernde Bürgerprotestbewegung in Baden-Württemberg entstand, der Kampf gegen das milliardenschwere Bahnprojekt Stuttgart 21.

Bald waren es Hunderte von Stuttgartern, dann Tausende, zum Höhepunkt des Protests zehntausende Bürger, die lautstark auf die Straße gingen. Bis heute skandieren Projektgegner, freilich oft nur ein paar Dutzend, jeden Montagabend „oben bleiben, oben bleiben“ bei ihrem Protestzug durch die Stadt, der stets mit einer Kundgebung am Bahnhof endet.

„Es ist die größte Protestbewegung in der Geschichte des Landes, sie hat die Menschen in der Stadt politisiert“, sagt Theaterregisseur Volker Lösch, prominenter und lautstarker S21-Gegner und einer der beiden Kundgebungsredner bei der Jubiläumsdemo, gestern Abend in Stuttgart, Teil einer Reihe von Jubiläumsveranstaltungen des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Nicht nur der Bahnhof hat in den zehn Jahren sein Gesicht verändert – ein Teil ist abgerissen, die Schalterhalle wird ausgebeint, die Bahnsteige sind weit nach außen verlagert, in der Baugrube nebenan wachsen die Trägerstelen für das Dach des Tiefbahnhofs aus der Baugrube. „Der Protest hat Spuren hinterlassen und die Stadtgesellschaft grundlegend verändert“, glaubt Matthias von Hermann von den sogenannten Parkschützern, einer der treibenden Gruppen im Aktionsbündnis.

Hermann war einst dabei, als die Aktivisten biederen Stuttgartern in Aktionstrainings den korrekten zivilen Ungehorsam beibrachten. Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft, die bis dato nach dem gut schwäbischen Motto „no in nix ‘neikomma“ gelebt hatten – also sich ja keinen Ärger einzuhandeln –, ketteten sich plötzlich an Bäume oder ließen sich bei Sitzblockaden von der Polizei wegtragen. „Es war, als ob man den Deckel weggenommen hätte von der Gesellschaft, der Druck kam raus, seitdem wollen die Menschen Politik selbst machen, anders machen, sich einmischen und nicht mehr über sich bestimmen lassen“, sagt S21-Gegner Hannes Rockenbauch, Architekt, Stadtplaner und im Stuttgarter Gemeinderat Mitglied des parteilosen linken Bündnisses SÖS. Die Basis, die damals entstanden sei, präge heute die Stadtgesellschaft. Der Protest jedenfalls lebt auch nach zehn Jahren noch. „Wir bewahren das Feuer“, sagt SÖS-Fraktionschef Thomas Adler. „Wir machen nach zehn Jahren keine Retrospektive, sondern haben eine Perspektive –den Umstieg und Ausstieg.“

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