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Regionalbahnen Private Anbieter Abellio und Go-Ahead übernehmen Streckenbetrieb des Stuttgarter Netzes

Ein Start mit Verspätung

Archivartikel

Stuttgart.Ein deutlich besseres Regionalzugangebot auf den durch Stuttgart laufenden Strecken – das verspricht der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) mit dem Betreiberwechsel von der Bahn-Tochter DB Regio auf die privaten Bahnanbieter Abellio und Go-Ahead. Dieser wird nach dreijähriger Vorbereitungszeit am Pfingstsonntag (9. Juni) auf den ersten Teilstrecken Richtung Pforzheim und Bruchsal sowie Aalen und Crailsheim vollzogen wird.

Der Plan: Ein schnellerer Regionalbahntakt mit modernen, neuen Zügen, fahrgastfreundlich und komfortabel, soll möglichst viele Menschen zum Umstieg vom Auto auf die Bahn bewegen. Ebenerdiger, barrierefreier Einstieg, großzügige Freiflächen für Kinderwagen, Fahrräder und Rollatoren; Steckdosen und freies WLAN, Echtzeitansagen und -anzeigen sowie behindertengerechte Toiletten und bessere Fahrgastbetreuung durch Zugbegleiter in allen Zügen – das alles gehört zu den Anforderungen, die das Land den Anbietern bei der Streckenausschreibung ins Pflichtenheft schrieb.

Auf der Schiene soll ein neues Zeitalter für die Fahrgäste beginnen. Das Problem: Viele Fahrgäste werden von dem Zeitenwechsel zunächst einmal gar nichts mitbekommen, sondern weiter in den alten Regionalzügen der DB Regio statt in den schicken neuen gelb-schwarzen Zügen sitzen. Der Grund: Weil der Hersteller Bombardier zum Betriebsstart im Juni nur zwei der von Abellio zu diesem Termin bestellten 16 Zügen vom Typ „Talent 2“ pünktlich liefern kann, muss Abellio sich Züge von der DB Regio und anderen Anbietern ausleihen, um die ersten Streckenabschnitte nach Pforzheim, Bruchsal und Heidelberg überhaupt bedienen zu können.

Dennoch verspricht Abellio-Baden-Württemberg-Chef Roman Müller beim Pressegespräch im Verkehrsministerium, den geplanten Fahrplan pünktlich „in fast vollem Umfang“ anbieten zu können. Aber für Phase zwei und drei der Streckenumstellung, die im Dezember 2019 sowie im Juni 2020 erfolgen, kündigen sich Verzögerungen an. Anbieter Go-Ahead, der seine beim Hersteller Stadler bestellten Züge vom Typ „Flirt 3“ für die Streckenabschnitte nach Aalen, Crailsheim und Karlsruhe pünktlich bekommt, wartet auf die Zulassung durch das Eisenbahnbundesamt (EBA).

Winfried Hermann indes können solcherlei Kleinigkeiten nicht mehr schrecken. Seit mittlerweile acht Jahren ist der grüne Verkehrsminister mit dem neuen Regionalverkehrsplan befasst, das hat ihn demütig gemacht. Eine Verzögerung um ein paar Monate nimmt Hermann gelassen, dem neuen Vertragspartner Abellio will er nicht auf die Füße treten. „Es ist gut, dass man sich aushilft. Alle Beteiligten haben das Anliegen, dass das System nicht zum Erliegen kommt“, lobt Hermann die Unterstützung durch die DB Regio.

Kapazitäten ausgereizt

Die Bahn war beim Wettbewerb um das Stuttgarter Netz leer ausgegangen und muss den Betrieb des Stuttgarter Netzes nun zum 9. Juni von einem Tag auf den anderen von 100 Prozent auf null fahren. „Wenn man mir damals gesagt hätte, dass das alles so lange dauert, hätte ich alle für verrückt erklärt“, sagt Hermann heute. „Aber ich habe gelernt, dass es nicht schneller geht, wenn man sich aufregt, sondern alle Beteiligten nur nervös macht.“

Zum Teil müssen nun Lösungen für Probleme her, die es zuvor nicht gab. Was, wenn bei Abellio oder Go-Ahead einzelne Züge ausfallen oder Strecken blockiert sind? Wer managt die Umleitungsstrecken, wenn auch Strecken eines anderen Betreibers betroffen sind und mögliche Ersatzfahrzeuge? Details werden derzeit noch diskutiert. Beschlossen ist bereits, dass die DB-Regio mit dem Land in Stuttgart einen Fahrzeugpool aus sechs Zügen aufbaut, der ein Polster für plötzliche Zugausfälle und Großereignisse sein soll.

Die Züge sollen von den anderen Betreibern gemietet werden können. Ab 2020 soll nach gleichem Muster auch in Stuttgart eine Bereitschaftstruppe von zehn Lokführern bereitstehen – eine deutschlandweit einmalige Sitzbereitschaft, die zunächst für ein Jahr getestet werden soll. Die Kosten trägt das Land. „Das Land heilt damit die Probleme, die aus den Ausschreibungen entstanden sind“, sagt David Weltzien, DB-Regio-Chef Baden-Württemberg.

Auch auf die Fahrgäste könnte ein neues Zeitalter zukommen. Die Kapazitäten der Züge wurden bei der Ausschreibung vor Jahren einst mit einem Plus von 30 Prozent kalkuliert. Das ist auf manchen Strecken bereits jetzt erreicht. Mehr ist kaum drin. Dass alle Fahrgäste einen Sitzplatz bekommen, war allerdings auch nicht Bedingung. „Die Vorstellung, dass in einem guten Nahverkehrsangebot immer alle sitzen können, gehört der Vergangenheit an“, erklärt Hermann. „Das gibt’s nicht mal in der Schweiz“, meint der Verkehrsminister.