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Inklusion Schulen beklagen sich über mangelnde Unterstützung des Landes und zu wenig Personal

„Eine Frage des Wie“

Archivartikel

Wiesbaden.Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung ist ein hessisches Erfolgsmodell – zumindest den Zahlen nach. Denn immer mehr Eltern schicken ihre Kinder nicht auf eine Förderschule, sondern in reguläre Schulen. Die Zahl der Förderschulen sinkt. 196 öffentliche gibt es in Hessen noch, 2009 waren es 23 Förderschulen mehr. Doch der Schein trüge, sagen Eltern und die Bildungsgewerkschaft GEW. Im Alltag hapere es bei der Inklusion. Schulen seien für die wachsende Zahl von Kindern mit besonderem Förderbedarf schlecht ausgestattet.

Jedes dritte Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird in Hessen mittlerweile zusammen mit anderen Kindern unterrichtet. Nach Zahlen des Kultusministeriums stehen diesen 10 700 Schülern noch 21 300 Kinder gegenüber, die Förderschulen besuchen. Doch die Tendenz ist abnehmend. Vor zehn Jahren waren es noch 25 900.

Organisatorische Hilfe benötigt

Was der Zulauf für Regelschulen im Alltag bedeutet, zeigt das Beispiel der Kasseler Carl-Schomburg-Schule (CSS). „Die Menschen, die entscheiden, wie Schule aussieht, müssten mal eine Woche dabei sein und sehen, was gebraucht wird“, sagt Brigitte Hofmann, Personalratsvorsitzende der Gesamtschule. Denn für eine gelungene Inklusion mangele es an vielem.

So fehle angesichts voller Klassenräume Platz, um stärkere und schwächere Schüler mit Aufgaben räumlich getrennt zu beschäftigen. Für die Schüler mit Förderbedarf fehlten Förderkräfte. „Weniger als zwei Stunden“ stehe pro Woche und Kind zur Verfügung. Das sei „völlig am Bedarf vorbei“. Die Klassen selbst seien zu groß: Während an einer Förderschule 16 Kinder zusammen unterrichtet würden, seien es an der CSS 24 bis 32. „Wenn wir da vier förderbedürftige Kinder drin haben, bleibt die Klassengröße gleich.“

Laut der Bildungsgewerkschaft GEW ist die Carl-Schomburg-Schule kein Einzelfall. Es gebe einen „absoluten Lehrermangel“, und auch die Fachkräfte für eine Inklusion wie Erzieher und Sozialpädagogen fehlten, erklärt GEW-Landesvorsitzende Birgit Koch: „Wir sind der Meinung, dass Inklusion politisch nicht gewollt und unzureichend gesteuert wird.“ Langfristig müsse es Ziel sein, Förderschulen ganz abzuschaffen. „Inklusion ist keine Frage des Ob, sondern eine Frage des Wie.“

Vor zehn Jahren trat die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Kraft. Die Inklusion sei auch in Hessen geltendes Recht, betont Klaus Wilmes-Groebel, Vorsitzender des Elternbunds Hessen: „Das Problem ist, dass die schwarz-grüne Regierung in Hessen nicht genug unternimmt, um diese Konvention umzusetzen.“ Ein Grund sei vermutlich, dass insbesondere die CDU das Förderschulsystem und „die damit verbundene Ausgrenzung tausender Schüler vom Regelschulsystem eigentlich besser findet“.

Die im Regierungsprogramm enthaltenen Schritte blieben weit hinter den Notwendigkeiten zurück. Die Inklusion brauche mehr organisatorische Unterstützung. „Ein weiterer Aspekt: Alle Schulformen müssen inklusiv unterrichten, nicht nur die Gesamtschulen“, meint Wilmes-Groebel. Tatsächlich tragen laut Kultusministerium Hauptschulen, integrierte Gesamtschulen und Grundschulen zur Inklusion bei: Hier werden mehr als 80 Prozent der betroffenen Kinder unterrichtet.

Das Land wehrt sich gegen die Kritik: Für die Inklusion seien in den Schuljahren 2015/16 bis 2018/2019 zusätzlich 210 Lehrerstellen zur Verfügung gestellt worden, sagt Philipp Bender, Sprecher des Kultusministeriums. Die Regelschulen seien so gut versorgt, dass mehr Lehrkräfte zur Verfügung stünden als für die Abdeckung der Unterrichtsstunden erforderlich sei. „Darüber hinaus wurden 700 neue Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte geschaffen, um die hessischen Lehrer bei ihrer Tätigkeit zu entlasten.“ Es gebe auch mehr Schulpsychologen.

Zwar sinkt die Zahl der Stellen an Förderschulen, gleichzeitig wächst aber nach Auskunft des Landes die Stellenzahl für die sonderpädagogische Unterstützung der allgemeinen Schulen. Seit dem Schuljahr 2011/2012 stehe ein Zuwachs von 800 Stellen – Tendenz steigend.