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Metallindustrie Gespräch mit Verbands-Hauptgeschäftsführer / Scharfe Kritik an der Gewerkschaft im Vorfeld der Tarifrunde

„Einheitsbrei ist von gestern“

Stuttgart.Im Vorfeld der nächsten Tarifrunde sind die Fronten in der Metallindustrie zwischen Arbeitgebern und IG Metall so verhärtet wie selten. „Ich finde den landesweiten Aktionstag der IG Metall maximal unangemessen“, empört sich Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick über die Demonstration gegen Arbeitsplatzabbau. Das sei eine „Vorbelastung für die bevorstehende Tarifrunde“. Dick wirft der Gewerkschaft vor, sie schüre unrealistische Erwartungen.

Derzeit bereiten sich beide Seiten auf die im März 2020 beginnende Tarifrunde und ihr schwieriges konjunkturelles Umfeld vor. Zwar meldet das Statistische Bundesamt für das dritte Quartal 2019 eine leichte Erholung. „Das ist für unsere Branche nicht nachvollziehbar“, betont Dick. Hier liege das Minus bundesweit seit Jahresanfang bei 4,7 Prozent, in Baden-Württemberg immerhin bei 1,4 Prozent.

Wenig Hoffnung schöpft Dick aus der im Oktober um mehr als zwölf Prozent gestiegenen Zahl der Pkw-Neuzulassungen. Eine Trendwende sei das „auf keinen Fall“. Für die hiesige Autoindustrie sei der Inlandsmarkt ohne Bedeutung: „Der deutsche Markt interessiert die Branche gar nicht mehr.“ Die Erträge würden vom Absatz in China dominiert, „und der schwächelt deutlich“.

Chemie kein Vorbild

Den in der vergangenen Woche erzielten Tarifabschluss in der Chemieindustrie lehnt Dick als Messlatte für die Metaller ab. „Aus heutiger Sicht ist der Abschluss viel zu hoch“, erklärt der Verbandsmanager. Die Chemie-Beschäftigten erhalten in zwei Stufen verteilt über zweieinhalb Jahre 2,8 Prozent mehr Lohn. Dazu kommen nach Darstellung der Gewerkschaft IGBCE freie Tage, Zuschüsse zur Pflegeversicherung und eine Qualifizierungsoffensive, was weitere 3,2 Prozent kostet.

Dick versucht, bei der IG Metall die Erwartungen zu dämpfen: „Die Gewerkschaft träumt noch immer von einem Inflationsausgleich und Instrumenten zur Beschäftigungssicherung, die Geld kosten.“ Zu seiner Linie passt eher die Ankündigung des Daimler-Vorstands, der als Sparbeitrag die noch nicht ausgehandelte Lohnerhöhung verlangt.

Die Tarifpolitik der IG Metall wird nach Dicks Ansicht der Lage in der Branche nicht mehr gerecht. Ein Facharbeiter verdiene gleich nach der Ausbildung 50 000 Euro im Jahr. Wie groß die Unzufriedenheit bei den Unternehmern sei, zeige der Austritt von 53 Mitgliedern bei Südwestmetall nach dem letzten Tarifabschluss. Seit Anfang des Jahrtausends sei die Mitgliederzahl von 1150 auf jetzt noch 710 gesunken. „Wenn das so weitergeht, kann mein übernächster Nachfolger hier das Licht ausmachen“, betont er. Es nütze der IG Metall nichts, wenn ihre Mitglieder zu 100 Prozent zufrieden sind, die Unternehmer aber zu 100 Prozent unzufrieden und sich deshalb aus dem Tarifvertrag verabschieden.

Auf keinen Fall wollen sich die Arbeitgeber auf einen Abschluss einlassen, der alle Betriebe über einen Kamm schert. „Der Einheitsbrei ist von gestern“, sagt Dick. Während bei den großen Autoherstellern die Personalkosten kaum mehr als zehn Prozent ausmachen, steige die Quote bei spezialisierten Maschinenbauern auf mehr als 50 Prozent. Solche unterschiedlichen Begebenheiten müssten stärker berücksichtigt werden. Dick: „Wir werden von der Differenzierung nicht mehr lassen.“

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