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Gesundheit In Hessen helfen Mediziner auf 14 Stationen zu früh geborenen Babys / Anschlussbetreuung für Kinder wichtig

„Eltern können sehr viel tun“

Archivartikel

Gießen.Der kleine Till bekommt nach dem Baden einen frischen Strampler angezogen. Seine Mutter macht das mit ruhigen Handgriffen, während ihr eine Krankenschwester nicht von der Seite weicht. Denn Till kam als 500 Gramm leichtes Frühchen zur Welt und wächst nun Tag für Tag seiner Entlassung aus dem Gießener Universitätsklinikum (UKGM) entgegen.

„Wir wissen heute: Wenn die Eltern da sind, dann entwickeln sich die Kinder besser“, sagt Harald Ehrhardt, Leitender Oberarzt der Neonatologie und pädiatrischen Intensivmedizin an dem Krankenhaus. „Eltern können sehr viel für ihr Kind tun.“ Vor allem ihre Babys immer wieder berühren. „Körperkontakt ist extrem wichtig. Das stärkt die Kinder.“

Die Zahl der Frühgeborenen steigt, auch in Hessen. 2017 kamen hier 327 Neugeborene mit extrem niedrigem Geburtsgewicht zur Welt, 2016 waren es 291. Im Jahr 2012 zählte das Statistische Landesamt 207 Kinder. „Wir gehen davon aus, dass die Frühgeborenen-Rate weiter steigen wird“, sagt Ehrhardt. Zu den Gründen zählt demnach nur zu einem Teil der medizinische Fortschritt. Vielmehr hänge die Entwicklung zusammen mit Risikofaktoren wie vermehrte späte Schwangerschaften, Nikotin, Übergewicht oder reproduktionsmedizinische Maßnahmen, bei denen auch häufiger Mehrlinge zur Welt kommen.

Förderung von Frühchen wichtig

Landesweit gibt es laut der Hessischen Krankenhausgesellschaft 14 Frühchen-Stationen mit 138 Intensivbetten. Gießen ist ein „Level-I“-Zentrum der höchsten Versorgungsstufe. Das bedeutet, dass hier alle Babys betreut werden können, egal wie leicht oder früh sie zur Welt kommen. Andere Krankenhäuser dürfen das beispielsweise erst ab einem Geburtsgewicht von mehr als 1250 Gramm. An den Kliniken mit Maximalversorgung kommt es vor, dass bereits winzige, 300 Gramm leichte Babys in den Brutkästen liegen. „Aber das ist kein Sport“, sagt Ehrhardt. „Es geht nicht um immer leichter, immer früher, sondern: Wie geht es den Kindern, und wie geht es ihnen langfristig?“

Die Neonatologie, also die Neugeborenenmedizin, hat sich in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt:„In den 1980er Jahren hat man noch ganz anders gedacht und in vielen Feldern fast eine 180-Grad-Wendung vollzogen“, sagt Frank Jochum vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am evangelischen Waldkrankenhaus Spandau .

„Heutzutage erreicht man niedrigere Komplikationsraten, indem man viel mehr auf die Möglichkeiten der Kinder individuell eingeht.“

Früher habe man beispielsweise gedacht, Frühchen sollten möglichst gar nichts selbst machen und lieber beatmet werden. „Heute ist es umgekehrt: Man weiß, man verringert die Komplikationen, wenn Kinder von Anfang an selbst atmen.“ Natürlich müssten Intensivmaßnahmen vorgehalten werden, aber diese würden nun differenzierter eingesetzt. Nach der Entlassung sei zudem eine gute Förderung der Kinder wichtig – das zeigten Langzeitstudien.

Der kleine Till wiegt mittlerweile zwei Kilogramm. Er räkelt sich wie andere Babys auch. Doch mehrere Drähte verschwinden unter seinem Strampler, und ein Schlauch pustet Sauerstoff in seine Nase, um ihm das Atmen zu erleichtern. Er wird rund um die Uhr bewacht. Mama und Papa dürfen, Schritt für Schritt angeleitet durch das Personal, bei der Versorgung helfen. „Die Eltern sollen sich in die Abläufe integrieren können“, sagt Oberarzt Harald Ehrhardt.

Regelmäßige Besuche möglich

Tills Mutter kommt täglich zu ihrem Sohn – wann sie möchte und wie lange sie möchte. Dass es keine festen Besuchszeiten gibt, begrüßt sie. So könne sie die Krankenhausbesuche in ihren Alltag integrieren, sagt die 36-Jährige. Und es geht ja auch um das Miterleben der besonderen Momente: das erste Bad, das erste Fläschchen, ein bisschen Normalität zwischen den Inkubatoren (Brutkästen), Monitoren und leise piepsenden Überwachungsgeräten. Laut ist es auf der Frühchenstation nicht. Das darf es auch nicht sein, denn ein hoher Geräuschpegel stresst die Babys. Das Licht ist ebenfalls gedämpft, auch das ist gut für die zu früh geborenen Babys.

Die besonders früh Geborenen bleiben drei bis vier Monate. Während dieser Zeit werden sie von den hinteren Räumen – der abgedunkelte, ruhigen Intensivstation – auf Zimmer weiter vorn verlegt. Sie kommen so Stück für Stück dem Ausgang näher. „Mit der Entlassung endet Frühgeburt nicht“, betont jedoch Mediziner Ehrhardt. „Die Sorgen und psychischen Belastungen sind dann nicht weg. Deswegen ist die Anschlussbetreuung so wichtig.“

Noch zwei Jahre sehen die Gießener Ärzte daher ihre Patienten bei Nachkontrollen. Manchmal noch länger: Im Flur der Station hängen auch Fotos von Patienten, die sie an ihrem ersten Schultag zeigen.