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Förderung Land profitiert von Geldern aus Töpfen der Europäischen Union / Landwirte und Unternehmer große Gewinner

„Erfolg gemeinsamer Politik“

Karlsruhe.Selbst kurz vor der Europawahl fällt es schwer, Menschen für die Europäische Union (EU) zu begeistern. Dass Milliarden an Fördergeldern in den Südwesten fließen, wird kaum registriert. Doch wie sehr der Standort Baden-Württemberg von der EU profitiert, machte gestern Steffen Schulz, Sprecher der Europäischen Kommission für Baden-Württemberg, beim Besuch eines Start-ups, das am Karlsruher Gründerzentrum Cyberforum künstliche Intelligenz zur Erforschung des Bienensterbens nutzt, klar.

„Ich wache jetzt nicht jeden Morgen auf und danke der EU“, sagt Katharina Schmidt. „Aber es ist schon so, dass Start-ups und neue Ideen Förderung brauchen. Und die EU spielt dabei eine wichtige Rolle.“ Zum Beispiel für das Start-up apic.ai, das die Betriebswirtin und Hobby-Imkerin 2017 gemeinsam mit zwei Partnern ins Leben gerufen hat.

Landesweit 400 Projekte

Das kleine Unternehmen entwickelt auch mithilfe von EU-Mitteln ein Monitoringsystem, das Honigbienen beim Betreten und Verlassen ihres Bienenstocks überwacht und die Daten mittels Bildverarbeitungssoftware und künstlicher Intelligenz auswertet. Am Ende könnte eine regionale Datenkarte stehen, die genau aufzeigt, wo beispielsweise gute Standorte für Bienen sind, wo Nahrungsmangel herrscht und wo große Ausfälle an den Völkern zu verzeichnen sind.

Mit dem Termin will Schulz deutlich machen, was unter anderem mit den 1,2 Milliarden Euro passiert, die aus dem EU-Strukturfonds im siebenjährigen Förderzeitraum von 2014 bis 2020 nach Baden-Württemberg fließen. Tatsächlich ist es für Laien nicht so einfach, die europäischen Finanztöpfe auseinanderzuhalten.

Die Fördermittel für Schmidts Bienen-Start-up apic.ai fließen über das Cyberforum indirekt an die Gründer und stammen aus dem Europäischen Sozialfonds ESF. 260 Millionen Euro ESF-Mittel gehen an Projekte für Beratung, berufliche Bildung und Bildungschancen, dazu zählt als Gründerzentrum auch das Karlsruher Cyberforum.

Wie viel Geld konkret in Schmidts apic.ai fließt, lässt sich nicht genau beziffern. „Wir rechnen pro Gründerteam und Jahr mit etwa 60 000 bis 80 000 Euro an Unterstützungsleistungen“, sagt Cyberforum-Geschäftsführer David Hermanns. Davon kommen 20 Prozent vom Cyberforum selbst, 30 Prozent vom Land – und der Rest aus dem ESF-Topf. „Durchschnittlich erhielt jedes der landesweit 400 Projekte, die allein 2018 in Baden-Württemberg ESF-Mittel erhielten, 50 000 Euro“, berichtet Schulz.

In die Schaffung von Arbeitsplätzen, Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftswachstum und die Verbesserung der Lebensqualität fließen 247 Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung Efre. Viele Unternehmen und Kommunen – darunter auch Mannheim und Heilbronn mit mehreren Projekten – erhalten Millionen an EU-Mitteln für nachhaltige Konzepte und innovative Projekte.

Fast die Hälfte des Einkommens

Nicht zuletzt profitieren Landwirte in Baden-Württemberg doppelt von der EU: Einmal über Direktzahlungen – pro Hektar bewirtschaftete Fläche erhält ein Landwirt durchschnittlich 281 Euro Einkommenshilfe. Eine Summe von jährlich etwa fünf Milliarden Euro für ganz Deutschland, die etwa 40 Prozent des Einkommens der landwirtschaftlichen Betriebe ausmacht und an Umwelt- und Tierschutzstandards gekoppelt ist. Dazu kommen von 2014 bis 2020 weitere 710 Millionen aus dem Fonds für die Entwicklung des Ländlichen Raums Efre.

„Baden-Württemberg ist eindeutig ein EU-Gewinner. Die Hälfte der Ausfuhren aus Baden-Württemberg geht in EU-Länder. Die guten Handelsbeziehungen sind keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Erfolg der gemeinsamen EU-Politik“, sagt Schulz.

Auch Katharina Schmidt mit ihrem Start-up ist ein EU-Gewinner. Eigentlich, sagt die Jungunternehmerin, wollte sie nur ihren eigenen Honig origineller vermarkten und dadurch auf das Bienensterben aufmerksam machen. Daraus geworden ist dank der finanziellen Förderung, Netzwerk und neuester Technologie eine Idee, von der mit etwas Glück am Ende alle profitieren könnten – nicht nur die Bienen.