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Tourismus Verschuldete Stadt Bad Karlshafen bekommt einen neuen Hafen / Kritiker befürchten Millionenschaden

Eröffnung trotz Geldsorgen

Bad Karlshafen.Pit Stueckrath hat schon viel gesehen und viel gemacht: Er war Pilot, Schiffsführer, hat in einer Werft gearbeitet und zuletzt eine Firma geleitet, die in Indonesien versunkene Schiffe geborgen hat. Sein jüngstes Abenteuer führt den 53-Jährigen nach Nordhessen. In der Kleinstadt Bad Karlshafen im Landkreis Kassel hat er die Verantwortung für den nördlichsten Hafen Hessens übernommen.

Seit Anfang Mai ist Stueckrath Fachgebietsleiter Hafen der Bad Karlshafen GmbH. Die Tochtergesellschaft der Stadt betreibt den Hafen, der für 6,5 Millionen Euro reaktiviert wurde und heute eingeweiht wird. „Ich bin hierhergekommen, weil es ein Ort war, der wie im Dornröschenschlaf lag“, sagt Stueckrath.

Einst war die 3600-Einwohner-Stadt ein blühender Kurort. Doch mit dem Abnehmen der Gästezahlen begann für die Hugenottenstadt mit dem prächtigen, denkmalgeschützten Kern ein jahrelanger Niedergang. Bad Karlshafen verlor Einwohner genauso wie auch Geschäfte und Hotels. Das historische Hafenbecken vor dem Rathaus war eher ein Tümpel.

Die umstrittene Reaktivierung des historischen Stadthafens und seine Anbindung an die Weser sollten neuen Wind in die Kleinstadt bringen. Befürworter sahen die letzte Chance für eine sterbende Stadt. Kritiker befürchteten, der ausschließlich touristisch nutzbare Hafen werde ein Millionengrab.

Für Stueckrath steht fest, dass Karlshafen ein Konzept braucht, um zu überleben. „Das ist notwendig, weil sich allein mit Mitteln der Denkmalpflege so eine Stadt nicht retten lässt.“ Dazu gehörten auch die Möglichkeit, Wasserfahrzeuge sicher unterzubringen, und ein Schulungsbetrieb für Motorboot. Die können dank der Schleuse selbst bei Niedrigwasser in der Weser im Hafen das An- und Ablegen üben.

Land und EU beteiligt

17 Dauerliegeplätze für Sportboote bietet der Hafen. Mindestens zehn seien schon vergeben, sagt Bad Karlshafens Bürgermeister Marcus Dittrich. Der parteilose Politiker hat in diesen Tagen besondere Sorgen. Die klamme Stadt hat wieder Geldnot – allerdings nicht durch den Hafen, betont Dittrich. Die hoch verschuldete Stadt, die unter dem Finanzschutzschirm des Landes steht, muss wegen einer Rechtsänderung neben einem ausgeglichenen Haushalt auch die Tilgungsrate für Kredite erwirtschaften. Die 850 000 Euro in zwei Jahren sind für die Kleinstadt ein Kraftakt.

Die Freude auf die Hafeneröffnung werde das nicht verderben. „Ich hoffe auf den Jetzt-erst-recht-Effekt“, sagt Dittrich. Denn eigentlich befinde sich die Stadt weiter im Aufwind: Neue Geschäfte hätten eröffnet, Fördermittel zur Sanierung von denkmalgeschützten Häusern würden beantragt. Das zeigt sich im Stadtbild: Es wird gepflanzt, gestrichen und saniert.

Finanziell könnte der Hafen eine Punktlandung werden: Den Kostenrahmen werde man voraussichtlich einhalten, sagt Dittrich. 5,5 Millionen trägt der Bund, 680 000 Euro bringt die Kleinstadt selbst auf. Auch EU und Land sind beteiligt.

Der Bund der Steuerzahler in Hessen, der das Projekt bereits vor drei Jahren in sein Schwarzbuch aufgenommen hatte, bleibt kritisch: „Die finanzielle Situation Bad Karlshafens ist bereits seit Längerem sehr angespannt“, erklärt Sprecher Moritz Venner. Nun gelte es abzuwarten, ob und wie der Hafen von Einheimischen und Touristen angenommen wird. „Wir denken, dass man frühestens nach einem Jahr ein erstes Zwischenfazit ziehen kann. Auch wenn zur Eröffnung viel los sein wird, bleibt abzuwarten, wie sich die Situation in den kommenden Monaten entwickelt.“

Unterstützung vom Städtebund

Karl-Christian Schelzke, Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebunds, gehört zu den Befürwortern des Projekts. Er sieht die Kleinstadt im Aufwind – auch weil das umstrittene Projekt die Stadt Bad Karlshafen bekannt gemacht hat. „Es gibt große Startchancen, nachdem man nicht nur in Hessen weiß, dass da ein Binnenhafen geöffnet wird.“

Trotz der Kritikpunkte freut sich Hafenchef Stueckrath auf seine neue Aufgabe. Sein Engagement ist allerdings vorerst zeitlich begrenzt. „Ich hoffe, dass wir eine Person finden, die zum Hafen und zur Anlage passt.“ In Bad Karlshafen will er trotzdem bleiben und hat schon ein Haus gekauft.