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Jubiläum Stadt Ulm feiert den 250. Geburtstag des Erfinders und Flugpioniers Albrecht Ludwig Berblinger

Erst ausgelacht, dann verehrt

Archivartikel

Ulm.Das lenkbare Fahrrad war noch nicht erfunden, da bastelte ein pfiffiger Schwabe schon an einem Fluggerät. Sechs Jahre, bevor der badische Forstbeamte Karl von Drais seine Laufmaschine namens Draisine in Mannheim vorstellte, und Jahrzehnte vor den erfolgreichen Gleitflügen Otto Lilienthals schnallte sich Albrecht Ludwig Berblinger in Ulm einen selbstgebauten Hängegleiter um. Am 31. Mai 1811 stieß er sich damit von der dortigen Adlerbastei ab – und stürzte nahezu senkrecht mit lautem Klatscher in die Donau.

Und das vor den Augen von Herzog Heinrich, einem Bruder des württembergischen Königs Friedrich I., und etlicher lokaler Würdenträger. Die Blamage war der Anfang vom Ende des Schneiders von Ulm als Erfinder. Er starb verspottet und verarmt. Auch daran wird im Jahr 2020 erinnert, wenn die Donaustadt mehrere Wochen lang den 250. Geburtstag ihres nach Albert Einstein wohl berühmtesten Sohnes feiert.

Kreatives Denken

„Die damalige Gesellschaft konnte mit Überfliegern, wie der Schneider von Ulm einer war, nichts anfangen“, sagt Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU). Längst aber werde Berblinger in seiner Heimat und weit darüber hinaus als Ikone der Innovation gewürdigt. „Heute sehen wir, dass quer, neu und kreativ zu denken genau das ist, was Zukunftsfähigkeit auszeichnet.“

Erfindergeist und Risikobereitschaft seien gefragte Eigenschaften in der Universitäts- und Forschungsstadt, in der Wissenschaftler aus aller Welt arbeiten. „Regenerative, nachhaltige Energiequellen wie Wasserstoff, digitale Anwendungen, die Systeme effizienter und ressourcenschonender machen, oder autonomes Fahren sind Schwerpunktthemen in Ulm“, sagt Czisch.

Aktionen ab Mai

Rund 250 Meter Luftlinie von Berblingers Absprungstelle entfernt haben Sebastian Huber und Marianne Wolff in der Ulmer Kulturabteilung monatelang am Jubiläumsprogramm gebastelt. Ab Mitte Mai wird es Ausstellungen und Feste geben, auch eine Kunstinstallation und ein neues Denkmal für den Flugpionier. Der „Berblinger-Turm“ soll am Donauufer nahe der Adlerbastei errichtet werden. Geplant sich auch ein „Zukunftskino“, Stadtführungen auf den Spuren des Flugpioniers und das Rock-Musical „Höhenflüge“.

„Zu den eindrucksvollsten visuellen Höhepunkten wird unsere Digital Wall gehören“, sagt Marianne Wolff, Referentin für Kulturmarketing. Vom 22. bis 23. Mai werde diese Lichtprojektion mit historischen Berblinger-Motiven die Stadtmauer am Flussufer in „ein begehbares Gesamtkunstwerk“ verwandeln.

Tüftler können sich am Wettbewerb „Test Test Contest“ mit innovativen Ideen um ein Preisgeld von 15 000 Euro bewerben – und dazu noch um eine Crowdfunding-Finanzierung für ihre Projekte. Die Vorschläge müssen nicht technisch, sondern können auch allgemein-gesellschaftlicher Natur sein. „Hauptsache, die Idee bringt uns vorwärts!“, heißt es in der Ausschreibung.

Von der Mündung zur Quelle

Als spektakulärste Aktion dürfte sich der Wettbewerb „Danube Flight Challenge“ erweisen: Begleitet von Live-Kameras sollen bis zu drei batterie- oder wasserstoffgetriebene Maschinen nahezu emissionsfrei und geräuschlos von der Mündung der Donau am Schwarzen Meer bis zur Quelle bei Donaueschingen fliegen. Vor dem Ulmer Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt (161,5 Meter) werden die Piloten ihre Flugzeuge vorstellen. Vom Hauptturm des Münsters – er war damals rund 100 Meter hoch – hatte Berblinger einst hinabgleiten wollen. Das wäre, so meinen Experten heute, möglicherweise wegen einer vergleichsweise günstigen Thermik ein Erfolg geworden. Ulms Ratsherren untersagten den Kirchturmstart aber und bestanden auf der nur 13 Meter hohen Plattform auf der Adlerbastei.

Über dem Fluss fehlten seinerzeit vermutlich die für einen Gleiter erforderlichen Aufwinde. 175 Jahre nach dem Donau-Platscher wurde Berblinger am selben Schauplatz rehabilitiert: 1986 überquerte ein Teilnehmer eines Flugwettbewerbs den Fluss in einem Nachbau des Hängegleiters – bei nun günstigen Winden und ohne Probleme.

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