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Umwelt Landwirtschaft zerstört wichtigen Lebensraum von Rebhühnern / Jäger von 100 Revieren wollen bedrohte Wildtierart schützen

Erst locken, dann zählen

Archivartikel

Reichelsheim.Der Förster und Jäger Andreas Mohr steht auf einem Feld in der Wetterau, der Wind bläst ihm den Regen ins Gesicht. Unbeirrt hält der 56-Jährige einen Lautsprecher in die Höhe, es ertönt ein schnalzend-schmetterndes „Kirr-ek!“. Das ist der Ruf des Rebhahns. Mohr will damit andere Rebhähne anlocken und so herausfinden, wie viele Tiere in dem Gebiet leben. An dem stürmischen Abend in Reichelsheim kommt nur eine leise Antwort aus der Ferne, auf einem Acker sind mehrere taubengroße Schatten zu erkennen.

Andreas Mohr und sein Sohn Max engagieren sich im „Rebhuhnhegering Wetterau“. Die Jäger von rund 100 Revieren haben sich zusammengetan, um die bedrohte Wildtierart zu schützen. Denn es steht schlecht um das Rebhuhn in Deutschland. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Brutpaare um mehr als 40 Prozent zurückgegangen, berichtet der Wildbiologe Max Mohr.

Seit 2016 gilt in Hessen eine ganzjährige Schonzeit für die graubraunen Hühner mit den rostrot gefiederten Köpfen. Nach den Worten von Mohr leben in den Hegering-Revieren zusammen rund 4800 Rebhühner. Die Populationen in der Wetterau seien inzwischen stabil bis leicht zunehmend, sagt Max. Die Jäger hoffen, dass es ab der Saison 2020/21 wieder genügend Rebhühner gibt, um sie jagen zu können. Dafür müssen drei Brutpaare je 100 Hektar nachgewiesen werden, erklärt Markus Stifter vom Landesjagdverband. Aus Statistiken des Landesjagdverbandes geht hervor, dass 1990/1991 noch 2000 Rebhühner pro Jahr geschossen wurden.

Richtige Futtermischung

Ornithologe Bernd Petry vom Naturschutzbund (Nabu) Hessen betont, dass der Rückgang der Populationen nicht auf die Jagd zurückgehe, sondern weil den Tieren der Lebensraum fehle. Rebhühner lieben das offene Land – brauchen jedoch Rückzugsorte und Futterquellen. Beides wird mit der intensiveren Landwirtschaft immer knapper. „Es gibt beispielsweise keine Blühstreifen mehr, und damit fehlen die für die Kükenaufzucht wichtigen Insekten“, kritisiert Petry. Rebhühner brauchen in den Feldern Inseln mit Gehölzen, die breit genug sind, um Schutz vor Beutetieren wie Fuchs oder Marder zu bieten, sagt Petry. Auch die „Folien-Landwirtschaft“ zerstöre wichtigen Lebensraum. Auf Spargelfeldern in Südhessen spielten sich teils tragische Szenen ab, wenn die Vögel auf der Suche nach Futter oder Brutplätzen auf den Folien herumrutschten, als würden sie Schlitten fahren.

Wenn die Felder abgeerntet sind, stellen die Jäger Eimer mit Spezial-Futter auf, wie Andreas Mohr berichtet. Es habe sich gezeigt, dass mit der richtigen Futtermischung mehr Rebhühner den Winter überleben als ohne. Außerdem dürfen in den Revieren des „Rebhuhnhegerings“ Füchse und Waschbären verstärkt gejagt werden. „Es ist schon sehr beeindruckend, wenn Sie erleben, wie so ein Rebhahn um die Ecke kommt und seine Henne und sein Gelege verteidigt“, erzählt Mohr. „Das ist der Inbegriff von Ritterlichkeit.“