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Kinderporno-Fall Ehemaliger Erzieher soll Jungen über Jahre hinweg missbraucht und davon Videos gemacht haben

Ex-Kitaleiter will gestehen

Archivartikel

Heilbronn.Schon vor den Türen des Heilbronner Landgerichts wird deutlich, dass es um ein besonderes Verfahren geht. Justizbeamte sichern den Eingang, aufgeregte Gespräche, Reporter führen Interviews, Handtaschen und Besucher werden durchsucht. Zwei bunt gekleidete Demonstranten kritisieren mit Schildern und Transparenten vor dem Gerichtsgebäude Kirche und Polizei. Gestern Vormittag hat das Landgericht Heilbronn den Prozess gegen einen Erzieher eröffnet, der zuletzt den evangelischen Wilhelm-Busch-Kindergarten in Heilbronn leitete.

Ermittlungen seit 2016

In der Anklageschrift wird dem heute 31-Jährigen 19-facher sexueller Missbrauch eines Kindes vorgeworfen – über einen Zeitraum von sechs Jahren. Drei der Fälle seien gleichzeitig als Vergewaltigung zu sehen, da der Junge geschlafen hat. Mehrfach habe der Angeklagte zudem Fotos und Videos von den Taten erstellt, was daneben auch den Vorwurf des Besitzes kinderpornografischer Dateien begründet. Bis Januar 2018 habe der Angeklagte sexuelle Handlungen an dem dann zwölfjährigen Jungen vorgenommen – zu diesem Zeitpunkt liefen die Ermittlungen schon, eine Hausdurchsuchung fand im Mai 2016 statt. Die frühesten sexuellen Missbräuche datieren auf Mitte 2012, da war der Junge sechs oder sieben Jahre alt.

Das Schlafzimmer des ehemaligen Kitaleiters diente als häufigster Tatort, dort habe der Erzieher den Jungen und auch sich entkleidet – aber auch im Hotel Colosseo bei einem Freizeitpark in Rust. 2012 habe er sich noch darauf beschränkt, am Jungen Oralverkehr zu vollziehen, später forderte er ihn auf, das Gleiche zu tun. Manches habe er getan, während der Junge schlief, Videos davon hat die Polizei auf seinem Rechner gefunden. Insgesamt wurden 10 000 Bilder und 908 Videos kinderpornografischen Inhalts bei dem 31-Jährigen gefunden.

In einer Nachtragsanklageschrift wird dem Mann in zwei weiteren Fällen Besitz und Herstellung von Kinderpornografie vorgeworfen. Während zweier Freizeiten habe der Angeklagte im Sommer 2014 und 2015 Bilder der entblößten Genitalien von zwei schlafenden Jungen gemacht.

Außer der Anklageschrift standen am ersten Verhandlungstag noch Fragen zur Person auf dem Programm. Der Angeklagte berichtet von „schwierigen Zeiten“ in seiner Kindheit: „Meine Eltern, beide, hatten ein Alkoholproblem.“ Es sei teilweise zu gewalttätigen Übergriffen gekommen, „vom Vater gegen die Mutter, zu den Kindern eher selten“. Die Familie habe sich dann zusammengerauft. „Die Eltern trinken keinen Alkohol mehr.“ Die berufliche Laufbahn als Erzieher begann 2010. Anfang 2015 folgte der Wechsel in den Kindergarten, dessen Leiter er wurde – die evangelische Kirche in Heilbronn trägt beide Einrichtungen. Bis Januar 2018 arbeitete er hier. Mit seinem Arbeitgeber gibt es noch einen arbeitsgerichtlichen Streit um die Kündigung.

Verteidiger Thomas Amann kündigt am Rande der Verhandlung an, dass der Angeklagte alle Vorwürfe einräumen und sich dem Verfahren stellen werde. Sein Mandant „wird für seine Taten einstehen“. Mit dem Geständnis erspare er dem Jungen eine Aussage vor Gericht, den er jahrelang sexuell missbraucht hat.

Sind jetzt alle Straftaten des Mannes ans Licht gekommen? Verteidiger Amann antwortet: „Meine Hand würde ich dafür nicht ins Feuer legen.“ Sein Mandant habe ihm anfangs auch den sexuellen Missbrauch des Jungen verheimlicht. Es sei nun Aufgabe des Gerichts, diese Fragen zu klären. Der Erzieher wolle jedenfalls nie mehr wieder in seinem Beruf mit Kindern arbeiten.

Das Gericht lehnte den Antrag der Opferanwältin auf Ausschluss der Öffentlichkeit bei dem Prozess ab. Vorerst. Am 18. September wird der Prozess fortgesetzt. Dann soll der Angeklagte aussagen. Vorsitzende Richterin Eva Bezold kündigte an, dass dies „höchstwahrscheinlich nicht öffentlich“ geschehe.

Vertreter der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Heilbronn, Ex-Arbeitgeber des Angeklagten, möchten als Beobachter auch im nicht öffentlichen Teil der Verhandlung teilnehmen. Von dem Prozess verspricht sich die Kirche Hinweise für die Aufarbeitung des Kinderporno-Falls. Staats- und Opferanwalt sind dagegen. Der Verteidiger des 31-Jährigen erachtet dies „für sinnvoll“, wenn man so künftig etwas für die Früherkennung machen könne.

Die Autoren dieses Textes sind Redakteure der „Heilbronner Stimme“