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Gesundheit Verkehrslärm soll um fünf Dezibel abgesenkt werden / Risiko für Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Experten fordern striktere Grenzwerte

Archivartikel

Stuttgart.Experten fordern strengere Grenzwerte für Verkehrslärm. Bisher gelten tagsüber Werte ab 70 Dezibel und nachts ab 60 Dezibel als gesundheitsgefährdend. Dezibel ist die Maßeinheit für den Schalldruckpegel. Diese Schwellenwerte seien deutlich zu hoch, kritisierte gestern der baden-württembergische Lärmschutzbeauftragte Thomas Marwein (Grüne). Auf seine Initiative hin unterzeichneten Wissenschaftler aus dem In- und Ausland in Stuttgart eine entsprechende Erklärung. Nach Ansicht der Forscher sollten die Grenzen in einem ersten Schritt um jeweils fünf Dezibel abgesenkt werden. Marwein sagte, er wolle das Gespräch mit der Bundesregierung suchen und die Empfehlung an das Umweltbundesamt weiterleiten.

Anlass der Initiative sind Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom Oktober 2018 für Verkehrslärm, die weit unter den derzeit gültigen Schwellenwerten liegen. Die WHO empfiehlt für Straßenlärm eine Grenze von 53 Dezibel am Tag und 45 in der Nacht. Verkehrslärm zähle zu den größten Problemen für die Gesundheit, kritisierte Marwein. 76 Prozent der Bevölkerung fühlten sich dem Umweltbundesamt zufolge von Straßenlärm belästigt, aber oft sei rechtlich nichts dagegen zu machen.

Zahl der Fahrzeuge reduzieren

Lärmexperte Dirk Streckenberg vom Zentrum für angewandte Psychologie, Umwelt- und Sozialforschung im nordrhein-westfälischen Hagen sagte, bei den Gesundheitsrisiken gehe es nicht nur um Hörschäden, sondern um Stress, Schlafstörungen und Kreislauferkrankungen. Er sprach von einem schleichenden Prozess, der sich oft über Jahrzehnte hinziehe. Herzerkrankungen von Menschen, die an hochexponierten Punkten lebten, seien mit einer 25-prozentigen Wahrscheinlichkeit auf Straßenlärm zurückzuführen. Eine niedrigere Schwelle könne das Risiko verkehrsbedingter Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu 15 Prozent senken. Es gehe auch um sogenannte Umweltgerechtigkeit: Von Straßenlärm seien häufig ärmere Menschen betroffen, die keine Lobby hätten, so Streckenberg.

Die Werte spielten beim Straßenbau und dem Bau von Bahnstrecken eine wesentliche Rolle, sagte Christoph Erdmenger, Leiter der Abteilung für Nachhaltige Mobilität. Beim Bau von Landesstraßen würden die niedrigeren Grenzwerte schon umgesetzt. Der meiste Lärm entstehe aber an Bundesstraßen, für die die Bundesregierung zuständig sei. Den Haupthandlungsbedarf sehe man beim Bund. Eine Bundesratsinitiative plant die Landesregierung nicht.

Grüne und CDU streiten bereits seit Wochen über Grenzwerte – allerdings geht es dabei nicht um Lärm, sondern um saubere Luft. Dabei könnten sich striktere Grenzwerte für Lärm auch auf die Luft auswirken. Um eine Absenkung des Straßenlärms zu erreichen, müsste man die Zahl der Fahrzeuge um rund zwei Drittel reduzieren, sagte Christian Popp vom Hamburger Ingenieurbüro Lärmkontor. lsw