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Lernplattform Moodle geht am ersten Schultag in die Knie / Sturm der Empörung gegen das Stuttgarter Kultusministerium

Fehlermeldung statt Unterricht

Archivartikel

Stuttgart.Fernunterricht statt Präsenzunterricht, digitale Lernplattform statt Klassenzimmer – so sollte der Schulauftakt des Jahres 2021 am Montag für die rund 1,5 Millionen Schüler in Baden-Württemberg aussehen. Rund 600 000 von ihnen und etwa die Hälfte aller 4500 Schulen in Baden-Württemberg nutzen dafür die Lernplattform Moodle.

Doch der erste Schultag war noch nicht einmal eine Stunde alt, da war schon unübersehbar, dass etwas gravierend schiefläuft: Knallrot leuchtete die gesamte Landesfläche von Baden-Württemberg auf der Deutschlandkarte des IT-Webportals Netzwelt mit den Störungsmeldungen zur Bildungsplattform Moodle schon um 8.52 Uhr. Statt auf ihre Lerninhalte blickten Lehrer und Schüler auf Fehlermeldungen.

Häme auf Twitter

Tausende Rückmeldungen über Störungen gingen aus allen Landesteilen ein, die meisten Nutzer nannten Probleme mit dem Login, mit dem Laden der Website und der Inhalte. Einzelne Instanzen von Moodle, das überwiegend auf den Servern des landeseigenen Datennetzes BelWü läuft, gingen beim gleichzeitigen tausendfachen Zugriff in die Knie. Umgehend machten Betroffene, Bildungsverbände und Politik ihrem Unmut und Frust über den verpatzten Unterrichtsstart auf Twitter und anderen Internet-Plattformen Luft, zugleich ergoss sich Häme über Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

Deren Forderung nach möglichst raschem Präsenzunterricht hatte noch zum Jahreswechsel für heftigen Kritik gesorgt. „Jetzt wissen auch alle, warum die Kultusministerin die Schulen unabhängig von den Inzidenzzahlen wieder öffnen wollte“, twitterte die Landes-SPD. „Wir können alles außer Schule und Impfen“ lästerte FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Die Bildungsgewerkschaft GEW stellte vergleichsweise sachlich fest: „Das Kultusministerium hat wie beim Gesundheitsschutz für Lehrkräfte und dem Wechselunterricht erneut seine Hausaufgaben nicht gemacht und keine Voraussetzungen für Fernunterricht an allen Schularten geschaffen.“ Auch der Landesschülerbeirat zeigte sich nicht überrascht. „Wir fordern bereits seit den Herbstferien Onlineunterricht, um die breitflächige Nutzung der Plattformen zu testen und gegebenenfalls auf Mängel zu reagieren. Dieser wurde allerdings vehement abgelehnt“, so der Landesvorsitzende David Jungs.

Ungewohnt schnell reagierte das Kultusministerium auf den Sturm der Empörung und räumte Probleme ein – an rund 200 der landesweit 4500 Schulen. „BelWü als Moodle-Betreiber hat die betroffenen Schulen und Probleme identifiziert. In weiten Teilen Baden-Württembergs und bei der überwiegenden Mehrheit der Schulen funktioniert Moodle jedoch störungsfrei“, ließ das Ministerium am Vormittag verlauten und vermeldete später Erfolg. „Die Probleme von heute Morgen sind mittlerweile behoben“, hieß es am Nachmittag.

Schwache Internetverbindung

Um den weiteren Betrieb sicherzustellen, sollten noch in der Nacht Optimierungen vorgenommen werden, der betroffene Server zusätzlich auf einen doppelt so starken Server umgezogen werden, um eine Wiederholung des Debakels am Dienstag zu vermeiden. Vorwürfe, man habe sich in den Weihnachtsferien nicht auf die zu erwartenden Zugriffszahlen zum Schulbeginn eingestellt, wies das Ministerium indes zurück. Man habe sich genau für dieses Szenario vorbereitet und gemeinsam mit BelWü die Pufferkapazität für Moodle um rund 50 Prozent erhöht“, teilte eine Sprecherin mit. Zudem stehe man mit anderen Bundesländern im Austausch, die ebenfalls mit Moodle arbeiten.

Für Oliver Hintzen, Digital-Experte und stellvertretender Landesvorsitzender des Bildungsverbands VBE, liegt das Problem beim digitalen Fernunterricht allerdings nicht nur in fehlenden Serverkapazitäten. Es fehle schlicht an allem – an digitalen Endgeräten, Know-how bei den Lehrkräften für Unterricht und Infrastruktur sowie leistungsfähigen Internetleitungen. „Schulen müssen nun ausbaden, was die Politik und die Kostenträger vor Jahren versäumt haben. Es brauchte erst eine Pandemie, damit allen klar wird, wie wichtig die Digitalisierung von Schulen ist“, sagte Hintzen. „Die Situation wird uns noch Monate begleiten, das Hin- und Herschieben von Verantwortungen muss augenblicklich ein Ende haben.“

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